Nach »Durch den Schnee« und »Linkes Ufer« erscheint nun der dritte Band der »Erzählungen aus Kolyma«. Er enthält zwei Zyklen des monumentalen Werks Warlam Schalamows. Wieder entführt er den Leser in die erbarmungslose Welt der sibirischen Lager und erzählt die Geschichte der Besiegten. Im Mittelpunkt steht in diesem dritten Band die meisterhaft geschilderte Ganovenwelt im Lager, ihr Alltag, ihre Sprache, ihre Sitten und ihr Verhältnis zu den politischen Gefangenen.
Stimmen
»Schalamows Prosa ist schnörkellos, klar, prägnant, immer im Dienst der Aussage. Auf den ersten Blick unspektakulär, entfaltet sich die Wirkung erst langsam. Eiskalt und schmucklos wie die Temperaturen in Kolyma treffen die meisten Erzählungen, fassungslos liest man die letzten Sätze der jeweiligen Erzählung und merkt, was hier alles zwischen den Zeilen steht. [...] Warlam Schalamow moralisiert nie und verurtelt seine “Protagonisten“ nicht. Er erzählt, er schreibt sich die Erinnerungen in Form von Prosa aus dem Gedächtnis. Das Resultat ist ein Riesenzyklus von Erzählungen, die sich alle in irgendeiner Form mit den Fragen beschäftigen, was ein Mensch einem anderen Menschen antun kann und wie man als geächteter Überlebender solcher Grausamkeit weiterleben kann. Ein großes, ein wichtiges und menschliches Buch, ganz große Literatur.
Ausgezeichnet übersetzt und herausgegeben, mit Anmerkungen und Glossar veryehen und sehr interessantem Nachwort von Michail Ryklin, ist dieser Band (wie schon die Bände 1 und 2) eine Glanztat des Verlages Matthes & Seitz im Dienste Warlam Schalamows.«
Roland Freisitzer,sandammeer.atAugust 2010
»Schalamow verweigert sich jeder poetisierenden Darstellung des Schrecklichen. Die Grauenhaftigkeit des Lagers, die völlige Ausgesetztheit des Einzelnen entfaltet sich in einem streng dokumentarisch wirkenden Stil der Unbarmherzigkeit, gegen den Solschenyzin fast schon harmos wirkt. [...] Angesichts der unmittelbar eruptiven Gewalt, mit der sich Schalamows Schreiben Bahn bricht, wird man sich dem Bann seiner Prosa nicht entziehen können.«
Ostthüringer Zeitung, 02.08.2010
»In einem Zeitraum von reichlich zehn Jahren - die frühesten Erzählungen sind auf das Jahr 1954 datiert, die spätesten stammen aus den Sechzigerjahren - entsteht mit dem Kolyma- Zyklus ein Werk, das in seiner Behandlungdes Themas- von Gabriele Leupold vortrefflich ins Deutsche übertragen - einzigartig in der Literaturgeschichte ist. [...] Gerade im Verzicht auf jegliche moralische Kommentierung des Systems, jegliche (Be-)Wertung des Handelns, jegliches Mitgefühl für die Protagonisten der Erzählung zwingt [Schamalow]den Leser gedanklich in die Welt des Gulags, einem Zwang, dem man sich während der Lektüre oft entziehen möchte, es aber nicht kann. Die Lektüre ist quälend und "quälend" ist das höchste Lob, dass man dieser Prosa aussprechen kann. Die Szenen kommen ohne Effekthascherei aus, ohne allzu detailliert beschriebene Grausamkeit. [...] Und der Leser wird zum aktiven 'Zuschauer', gezwungen, sich selber den elementaren Fragen humanistischen Handelns zu stellen.[...] Die Erzählungen sind sorgfältig, ja bis zur Perfektion strukturiertund konstruiert. Es entsteht ein komplexes Textwerk, das bedrückender kaum wirken kann.[...] Matthes & Seitz muss man für die Veröffentlichung danken.«
Stefan Möller, Glanz&Elend, 27.07.2010
»Sein eigenes, möglichst ideologiefreies, minimalistisches Erzählen bekommt in diesen cirka dreißig, meist nur vier, fünf Seiten langen Texten fast seriellen Charakter. (...) Schalamow schildert die Brutalität der Brigadiere, den aberwitzigen Sadismus von Lagerleitern – und er konstatiert wie beiläufig höchst Provokantes jenseits aller Moral (...).«
Peter Zimmermann, OE1 – Ex libris, 13. Juni 2010
»[E]ine Lektüre, die einem für Stunden alles vergällen kann, ein Lesestoff, der sonnige Tage verdüstert und schwarze noch schwärzer macht. Und obwohl dies so ist, kommt man von diesem dritten Band der Kolyma-Trilogie von Warlam Schalamow nicht los. (...) Warlam Schalamows Rang als Schriftsteller liegt einerseits in der lakonischen Verknappung des eigentlich Unsagbaren – das ist schon eine Kunst. Und andererseits darin, dass er, für sich und für seine Leser, so schrecklich genau hinschaut, dass er mit grösster Beherrschung aufschreibt, wie es war. Mehr ist es nicht – aber das ist viel.«
Cord Aschenbrenner, Neue Zürcher Zeitung, 10. Juni 2010
»[D]er kleine, feine Berliner Verlag Matthes & Seitz (...) setzt (...) einem Schriftsteller ein Denkmal, der dies nie für sich beansprucht hätte. (...) Schalamow macht sich und dem Leser nichts vor. Mensch zu bleiben inmitten der Unmenschlichkeit – unmöglich (...). (...) Erzählungen, die einem den Atem stocken lassen, detailgetreu, nüchtern bis zur Selbstverleugnung.«
Matthias Zwarg, Freie Presse, 9. Juni 2010
»Schalamows Texte lassen keinen Zweifel: Es ist eine ungeheure, massenhafte Gewalterfahrung, die auch heute noch im kollektiven Gedächtnis der Russen und anderer ehemaliger Sowjetvölker nisten muss, denn wirklich aufgearbeitet worden ist sie nie. (...) Das wird besonders deutlich in den beiden ersten Bänden der „Erzählungen aus Kolyma“ – es sind kurze, hoch verdichtete Texte, Destillate des Schreckens, die man nur in kleinen Dosen verträgt. Die Erzählungen des Zyklus „Künstler der Schaufel“ in diesem neuen Band erscheinen dagegen weniger komprimiert. Hier erlaubt sich der Autor historische Exkurse, explizite Analyse, Bewertung und flammende Anklage.«
Brigitte van Kann, WDR 3, 31. Mai 2010
»Es ist nun schon der dritte Band der «Erzählungen aus Kolyma», und so was wie Gewöhnung will sich einfach nicht einstellen! (...) Schalamow ist so nahe am Geschehen, dass der Leser auf fast unheimliche Weise Anteil nimmt an dem moralischen Desaster, das sich nicht bloss «jenseits von Gut und Böse» abspielt, sondern «jenseits alles Menschlichen» überhaupt. (...) Die Lektüre spricht auf einzigartige, extreme Weise die Sinne des Lesers an (...). (...) Dass die Erzählungen auf diese schonungslose Weise nun auch die deutschsprachigen Leser erreichen, ist das Verdienst von Gabriele Leupold, die «Künstler der Schaufel» übersetzt hat.«
Guido Kalberer, Tages-Anzeiger, 27. Mai 2010
»Drei Bände dieser „Erzählungen aus Kolyma“ hat der Berliner Verlag Matthes & Seitz inzwischen herausgebracht. Und man sollte ihm alle verfügbaren Verlegerpreise verleihen, für die Edition und auch für die herausragende Übersetzung von Gabriele Leupold. In Deutschland also findet Schalamow endlich seinen gerechten Platz in der Literaturgeschichte und zwar über Solschenizyn in der Bedeutung.«
Elmar Krekeler, Berliner Morgenpost, 21. Mai 2010
»Höchst variable „Dokumentarprosa“. Eine Literatur, die nüchtern ist bis ins Mark, für die Ornament tatsächlich Verbrechen wäre. Eine Literatur, die einen jeden Leser an die Grenze bringt, weil sie nichts tut, als ständig von der dem Menschen innewohnenden Bestienhaftigkeit zu erzählen. Schalamow beschönigt dabei nichts, er hat auch keine Botschaft, er legt nur Zeugnis ab. Literatur und Lager haben dabei eines gemeinsam, beide machen den Menschen nicht besser.«
Max Hermann, Welt Online, 15. Mai 2010
»Er hat das Lager als die ›Kernfrage unserer Epoche‹ bezeichnet, hat es durchlitten und überlebt und literarisch in eindrucksvoller Prosa erfasst.«
Bayerischer Rundfunk, 08. April 2010