24.08.2010

Christian Thanhäuser: Erster Schultag

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Erster Schultag, zusammen mit einer Schar verunsicherter Kinder nach den Freuden des Sommers hineingedrängt in einen Raum mit ungewohnten Gerüchen, die Aufmerksamkeit gilt eher nicht der rauchigen Stimme der Lehrerin, sondern einer Hornisse, die sich, eingeengt wie die Schüler, zwischen den Fensterflügeln verfangen hat. Die Lehrerin war eine ganze Weile damit beschäftigt, das störende Tier wieder in die Freiheit zu entlassen. Viel mehr ist mir von dieser Stunde nicht in Erinnerung, ich bin aber bis heute davon beeindruckt, wie so ein einzelnes verirrtes Tier einen prägenden Tag wie diesen bestimmen konnte.

In den Jahren der Kindheit, Fliegenschwärme über angeschwemmten Fischkadavern am Donauwellsand und besonders nach Hochwässern, die verzweifelten Versuche, der Gelsenplage Herr zu werden. In den Gewölben des alten Schiffsmeisterhaus die zahlreichen »Ohrnschliafer« verbunden mit der Vorstellung, wie es wäre, wenn einer davon mit seinen Zangen ins Ohr krabbeln würde. In schattigen Wasserwinkeln der dunklen Nebenflüsse die Kunst der Wasserschneider, wie sie leicht auf der Wasseroberfläche ihre Linien ziehen.

Wenn ich meine Skizzenbücher aus über dreißig Jahren durchblättere, fällt mir auf, dass Insekten eher zufällig und nebenbei aber immer wieder auftauchen wie eine alltägliche Stubenfliege am Wirtshaustisch beim Warten aufs bestellte Essen. Nach der Lektüre von Kafkas Verwandlung und Gotthelfs Schwarzer Spinne dann regelmäßiger bis hin zu Holzschnitten mit stark vergrößerten sezierten Insektenleibern.

Eine intensivere Beschäftigung mit der Insektenwelt begann anlässlich einer Parisreise im Jänner 1984 mit dem Besuch der Buchhandlung Shakespeare & Co und der Entdeckung des »Illustrierten Forst=Wörterbuchs« aus den zwanziger Jahren (es steht bis heute griffbereit neben der »Anleitung zu wissenschaftlichen Beobachtungen auf Reisen« aus dem Jahre 1875). In diesem Forst=Wörterbuch wird ausführlich über den Borkenkäfer berichtet, die Abbildungen der Fraßbilder in den Baumrinden inspirierten mich zu einem Holzschnittzyklus und den Versuchen, befallene Rindenstücke auf dünnes Japanpapier zu drucken. Einige Jahre später fand ich im Antiquariat Henke in Passau erstmals Bücher von Jean Henri Fabre. Mit diesen Funden wurde die Liebe zu wissenschaftlichen Büchern geweckt, welche nicht mehr auf dem letzten Stand für Fachspezialisten und deshalb eher der Poesie wegen zu lesen sind.

Ich schreibe diese Zeilen an einem insektenreichen Junitag im stillen Waxenberger Schlosspark am Rande des Böhmerwaldes (sozusagen am Strand des »Böhmischen Meeres«, am Ufer der Urdonau) und versuche, dort als Lockerungsübung für die Fabre-Illustrationen mit feinster Feder Insektenschwärme zu zeichnen. Es heißt, das geht nicht und doch: weit abseits großer Straßen, einen Tag vor sich haben, der wie eine Ewigkeit in die Nacht hinein ist, die unbeschwerte Hand das Schweben der Mückenflüge nachempfinden lassen. »Zeichnen«, nicht »abzeichnen«, eigene Luft- und Lichtkompositionen entstehen lassen, in diesem Fast-Nichts zwischen Punkt und Linie.

Mein Freund Friedrich Koch und ich überlegen bereits, wie wir einen 11. Insekten-Band gestalten könnten und nachdem wir beide mit so großer Freude mit Fabres Werk beschäftigt sind, dürften die angekündigten zehn Bände nicht reichen.

Seitdem ich mich mit Fabre beschäftige, taucht in Gesprächen immer wieder die Frage auf, was eigentlich Glück sei, was die glücklichsten Stunden das Jahr über? Die Antwort ist meist dieselbe: abseits vom Alltagsgetriebe am Waldrand oder in einem Garten frei vom Lärm der Kleingartenneurotiker all das mit Gelassenheit beobachten, was sich um einen befindet und bewegt, sich Zeit nehmen für so eine Taugenichtszeit oder für eine Grundstimmung wie bei Robert Walsers »Spaziergang« oder mit Adalbert Stifter für das Betreten einer sommerlichheißen Waldlichtung mit harzigen Düften und Geschwirr über Brombeerranken.

Abgesehen von täglichen Insektenbeobachtungen hier eine Reihe wichtiger Inspirationsquellen: die Zusammenarbeit mit den Entomologen des Naturkundemuseums Karlsruhe, die Tatsache, dass bis ins 19. Jahrhundert hinein zwar Bienen und Schmetterlinge als »gottgewollt« angesehen wurden, alles andere kreuchende Getier jedoch ein Zeug des Teufels war, Ilma Rakusas Venasque in der Heimat Fabres mit Blick zum Mont Ventoux, Daniel Spoerris Insektenfallen im toskanischen Seggiano, die Lektüre des Gesamtwerkes von Jean Paul – und er hat sie gekannt, diese bezaubernden »Insecten=Belustigungen« des zu Unrecht vergessenen Roesel von Rosenhof, Linnés »Lappländische Reise« in der Übersetzung von H.C. Artmann (und natürlich seine Dichtkunst), aus meiner Sammlung entomologischer Bücher bevorzugt englische aus dem 19. Jahrhundert, tschechische aus den 50er Jahren, zum Teil verwende ich als Vorlage die Illustrationen in der prächtigen französischen Fabre-Ausgabe (großer Dank an Christoph Neumann), allerdings werden hier fast nur tote Tiere dargestellt, im Gegensatz zur Beschreibung des Lebendigen in Fabres Erzählungen, beim Zeichnen mit osmanischem Federhalter und tschechischen Stahlfedern aus den 20er Jahren Musik von Brigitta Muntendorf, Schostakovich, Schnittke, . . .

Einige Monate hat es gedauert, bis ich mich in die Vielfalt der Insektenwelt eingezeichnet hatte (so wie man mit täglichen Übungen das Spielen auf einem Musikinstrument erlernt) und wenn man dann einmal drin ist, will man auch nicht mehr so schnell wieder heraus aus dieser phantastischen Welt, die offen ist für neue Entdeckungen und Erfindungen.

In diesem zweiten Band kommt der Ölkäfer vor, Fabre findet ihn abscheulich und beschreibt ihn doch so unglaublich genau und liebevoll, vor allem jene Szene, wie die Ölkäferlarve die Eierschale der Pelzbiene als Überlebensboot am kleinen Honigsee benützt und sich dann mehrmals verwandelt – solche Hypermetamorphosen werden wohl noch einige in den folgenden Bänden zu erwarten sein.

Ich verstehe meine Federzeichnungen nicht als wissenschaftlich genaue Illustrationen, sondern als zusätzliche Anregung zum eigenen Beobachten in der Natur.

Für die Leserinnen und Leser hat der Verlag einige freie Seiten für persönliche Skizzen und Notizen angefügt, es kann spannend sein, für eine Weile die Welt der Kunstkritiker und Kuratoren zu vergessen und die Entdeckung der näheren Umgebung mit dem Zeichenstift auszuprobieren.

Versuchen Sie es mit den Augen von Jean Henri Fabre.