24.05.2013

Wassili Golowanows Reisen auf die Insel Kolgujew. Eine Einführung von Jörg Plath

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Erlauben Sie, dass ich Ihnen einen Mann vorstelle, der auszog, das Hoffen zu lernen. Sein Vorgänger im Märchen, so kommt es mir vor, hatte es deutlich einfacher als er. Er bewegte sich in die Welt hinaus, um dort das Gruseln zu lernen, und obwohl ihm allerlei zustößt, was dazu angetan wäre, bleibt er völlig ungerührt, geistesgegenwärtig und handlungsfähig. Das Gruseln lernt er freudig erst am Ende, als des Nachts seine Braut Wasser aus dem Bach mit Gründlingen über ihn kippt. Die Fischart trägt ihren Namen nicht umsonst und bringt Abgründiges ins Spiel, das dem jungen Mann zuvor sehr fern war. Was er im Überfluss besaß, war Selbst- und Weltvertrauen, eines ohne Grund und Boden freilich. Der junge Mann, der hier oben sitzt und auszog, das Hoffen zu lernen, hatte es in eben dieser Hinsicht ungleich schwerer.
Wassili Golowanow - so heißt der Mann hier oben, der sich Ihren Blicken und bald meinen Fragen aussetzt, so heißt aber auch jene Person, die in einem Buch dieses Mannes die Rolle der Hauptperson und den Erzähler gibt - Wassili Golowanow also besaß kein Weltvertrauen, kein Gottvertrauen mehr, und brach deshalb auf aus seinem Leben. Er unternahm eine Reise ans Ende der Welt, auf eine kleine Insel in Sibirien. Es ist natürlich auch eine Reise zu sich selbst, doch dieses Selbst wird im Laufe der Reise eigentümlich geweitet. Es wird nämlich Welt - so sehr, wie die Welt Ich wird. Das Buch, in dem Wassili Golowanow von dieser mystischen Wandlung berichtet - und nicht nur berichtet, sondern den Leser seine Wandlung auch miterfahren und weitestgehend nachvollziehen lässt -, heißt "Die Insel oder Rechtfertigung des sinnlosen Reisens".
Kein Vater, der den Sohn zum Aufbruch in die Welt zum Lernen mahnt, steht am Anfang der Reise. Golowanow ist tätig, er arbeitet als Journalist und ist sehr erfolgreich. Doch die Kriege in Abchasien und an anderen Orten der zerfallenden Sowjetunion in den neunziger Jahren entsetzen ihn und führen ihm die Leere seines Daseins vor Augen. Dem Journalisten wird vor seiner - Zitat - "eigenen Ernsthaftigkeit ganz gruselig": "Kein Leserbriefschreiber", heißt es, "hielt mich für jünger als 40, obwohl ich erst 27 war." Er verliert seine Frau, wird geschieden. "Mir wurde bewusst, dass ich in die Jahre gekommen war und sterben würde."
Aus Todesangst und Sinnleere führt kein Mittelweg. Golowanow, zu dessen ersten Leseerfahrungen Daniel Defoes "Das Leben und die seltsamen Abenteuer des Robinson Crusoe" gehört, entwickelt Fluchtphantasien, boreale Phantasien: Der Norden zieht ihn an und lässt ihn hoffen. Hier gibt es keine "dickärschigen Touristen", hier wird der Mensch, werden seine Sorgen und Ängste klein im großen weiten Raum. Diese Phantasien gehören zur Romantik des Hohen Nordens. Golowanow fährt auf die Solowezki-Inseln und wird bezaubert wie jeder Besucher. Er heuert als Matrose und Fischverarbeiter auf einer schwimmenden Fischfabrik im Norden an, kneift aber im letzten Moment. Er pflegt seinen Traum vom anderen Dasein, der sich in einer Insel, der Insel Kolgujew in der Barentssee, konkretisiert, bis ihm eine Kollegin sagt: So lang redest du schon, nie fährst du, das bleibt ein Traum. Da bricht Golowanow eilig auf, im Gepäck nicht einmal warme Kleidung, nur eine Regenjacke und einen Wollkragenpullover. Von dieser sein Leben entscheidenden Reise auf die Insel Kolgujew - eigentlich handelt es sich um drei Reisen - erzählt "Die Insel".
Kolgujew ist ein "riesiger Torfklumpen" in der eisigen Barentssee auf der Höhe von Murmansk, nur knapp unterhalb des norwegischen Nordkaps. Sie misst 3.200 Quadratkilometer, ist also etwa viermal so groß wie Berlin und bedeutend flacher. Meist erheben sich Torf und Lehm nur knapp über Meereshöhe. In Bugrino, dem einzigen Dorf Kolgujews, leben etwa 400 Menschen, meist Indigene, wenige Russen, unter elenden Umständen. Die Rentierhaltung liegt am Boden, Arbeit gibt es kaum. Fast alle Bewohner, Männer wie Frauen, haben sich dem Alkohol ergeben. Zur Ansiedlung Murmanskgeologija, wo Arbeiter Erdöl fördern, besteht keine Verbindung. Der wirtschaftliche Niedergang der Russländischen Föderation lässt die Fördergelder versiegen, ohne die es keine Kohle, keinen Diesel, keine Lebensmittel auf Kolgujew gibt. Kolgujew ist so ziemlich der letzte Ort, von dem man sich Rettung versprechen kann: Kolgujew hätte sie selbst nötig.
Dass das Glanzlose, Übersehene, Wertlose, Nichtswürdige einen "echten", "wahren", "reinen" "eigentlichen" Wert besitzt, ist eine alte mystische Grundfigur, derer sich Erneuerungsbewegungen aller Art, auch die Zivilisationskritik, gern bedienen. Die zweite mystische Grundfigur des Buches ist die Erweiterung und Aufhebung des Selbst in der Begegnung mit Gott oder Gottgleichem.  Golowanows Reisender ist zu Beginn ein furchtsamer Flüchtender, bis er träumt, das ihm ein "Schütze" genannter Bewohner Kolgujews anstelle seines alten ein neues Herz aus Lehm einpflanzt. Er verliert die Furcht und vermag nun, die menschenleeren Weiten zu lieben. Der Tod ist das Tor zur ganz anders gearteten Welt Kolgujews.
Im Mittelpunkt von "Die Insel" steht eine zehntägige Wanderung durch das Innere der Insel. Drei Männer begleiten Golowanow, der 16-jährige Sohn eines Freundes und zwei junge Nenzen, Angehörige des indigenen Inselvolkes, zwei Brüder. Einen Weg gibt es nicht, die Tundra hat niemand vor ihnen betreten. Die Strecke ist gefährlich und außerordentlich beschwerlich. Verirrte Eisbären fürchten die Männer im Reich der Vögel weniger als Kälte und Erschöpfung, Hunger und Nässe. "Ich kann nicht mehr" lautet eines der Mantren, die Golowanows Kopf beherrschen während der zehn-, zwölfstündigen Wanderungen mit einem 27-Kilo-Rucksack im eisigen Wind, auf lehmigem Boden, der die Füße bei jedem Schritt umklammert, oder auf nassem Grund, der die Schuhe durchweicht und durchdringende Kälte in den Körper schickt. Golowanow wird sich den Rücken dauerhaft ruinieren. Aber er lernt am Rand der Welt das Hoffen. Das Glück.
"Die Insel" ist kein Wanderbuch und Wassili Golowanow kein Reinhold Messner. Der Russe erzählt von einer Lebenswanderung, einer hartnäckigen und mutigen Suche nach Sinn, der nur sich im vorderhand "sinnlosen Reisen" erschließt, dessen Rechtfertigung der Untertitel des Buches verspricht. Die Wanderung im Zentrum von "Die Insel" öffnet sich mit zunehmender Seitenzahl anderen Erfahrungen als denen, die die Tundra in erstaunlicher Fülle für den bereit hält, der Augen und Ohren und Worte für sie besitzt. Golowanow flicht Ethnologisches ein, er erzählt von Schamanen, von Sirten (das sind Elfen und Feen) und von unterirdischen Menschen. Er erzählt die Entdeckungsgeschichte der Insel, ihre Handelsgeschichte und die jener, die Handel mit ihr trieben. Er erzählt von Vögeln. Von Rentieren. Von der indigenen Bevölkerung Kolgujews, den Nomaden. Von ihren Mythen. Ihren Zeitvorstellungen. Ihren Helden, ihren Familien, ihren Kämpfen und Toten. Von den Altgläubigen, den Raskol, die sich vor den Verfolgern ans Ende der Welt flüchteten und verhungerten in einer der Vereisungen, die alle Jahre wieder auftreten, wenn Eisberge die Insel einschließen. Er denkt über die Beziehung von Raum und Zeit in verschiedenen Kulturen nach.
Golowanow sammelt all das aus der Fülle der Welt wieder ein, was sich seit der Romantik zerstreut hat in viele Wissenschaften und strikt geschiedene Erfahrungsbereiche. Es gelingt ihm durch ein vergegenwärtigendes Erzählen so eindrücklich, dass wir ihm glauben, wie er beim Gang an der Koschka, der Sandbank, entlang mit den Augen den Segeln eines Schiffes folgt, das den englischen Entdecker Aubyn Trevor-Battye genau 100 Jahre zuvor an Land setzte. Trevor-Battye durchmaß Kolgujew auf einer anderen Route als Golowanow und seine Begleiter und kam dabei beinahe ums Leben. Seine Abenteuer verdienen es, erzählt zu werden, was sich Golowanow natürlich nicht nehmen lässt.
Wassili Golowanow ist ein wortmächtiger Erzähler, einer mit der Kraft, die neu gefundene Welt, unberührt wie am siebenten Tag der Schöpfung, zu benennen. Er findet ein "Ufer der fliederfarbenen Blümchen" und fortan heißt es so. Er betrachtet die "Blauen Berge", Wasser so rein, und einen - Zitat - "goldenen Fluss, der in einem goldschimmernden Bett aus blauem Lehm fließt". Der Mann, der auszog, das Hoffen zu lernen, kennt nicht nur eine blaue Blume. Er geht in einigem Blau umher.
Das Buch "Die Insel" ist, so sagt es Golowanow, der zuweilen über seine unbrauchbaren, nur stammelnden Tagebuchaufzeichnungen klagt, ein "vielfach geschichteter Text", ein Raum, der alle Zeiten beherbergt, neben den vorzeitlichen, paradiesischen auch Szenen aus dem Leben des Autors mit Ehefrau und Kind in Moskau wie in Paris. Am Ende stehen der trockene "Bericht für das Geographische Institut der Akademie der Wissenschaften" sowie eine Nachbemerkung aus dem Jahr 2012, die vor dem endgültigen Untergang der Insel in Alkohol, Elend und Industriemüll warnt. Beide lassen ermessen, was Wassili Golowanow auf den 500 Seiten zuvor gelungen ist: der öden, abweisenden Insel einen Platz in dieser Welt zu verleihen. Solche Seelen- und Gottessucherbücher wie "Die Insel" gibt es in Dutzenden von Jahren nur eines.

Einführung, gehalten an der Akademie der Künste am 18. April 2013