14.10.2014

Vom katholischen Fühlen

Mario Perniola: Vom katholischen Fühlen

In den letzten Wochen häufen sich in den Buchhandlungen wieder die Titel zum Katholizismus, aufgewärmt in tausenderlei verschiedenen, darunter offengestanden auch ziemlich ungenießbaren Soßen. Das Standardmenü besteht in erster Linie aus hübschen soziologischen Stilleben und politischen Alchemien, und wenn man dabei nicht vor lauter Langeweile sterben will, gilt es weiterzustöbern. So hat vor einigen Jahren, 2001 war es, Mario Perniola im Verlag Il Mulino Del Sentire Cattolico herausgebracht, einen Essay über die, wie es im Untertitel heißt, »kulturelle Form einer universellen Religion«. Das Wesen des Katholizismus, so Perniola, liegt nicht in den Dogmen und Vorschriften, sondern in einem objektiven, rituellen, in der antiken römischen Welt wurzelnden »äußerlichen Fühlen«. In einem Formalismus, der zur Rettung einer Gesellschaft vonnöten sei, die sich durch ihren sentimentalen Subjektivismus und ihre ideologischen Himmelsstürmereien selbst zersetze. In einem Fühlen, das – allerdings in anderer Hinsicht – der zivilisierten Religion der frommen Heiden ähnelt.
Nach anfänglicher Verwunderung war das Buch in der Versenkung verschwunden. Vor ein paar Monaten jedoch hat die Katholische Akademie den Autor zu einem Gespräch, auch im Blick auf die deutsche Übersetzung (die portugiesische ist in Vorbereitung), nach Berlin eingeladen. Perniola zählt, nebenbei bemerkt, zu den auch im Ausland bekanntesten und angesehensten Philosophen. Als ein herausragender Theoretiker der Ästhetik, die er an der Universität Tor Vergata in Rom unterrichtet, scheut er es nicht, sich mit Stellungnahmen in der Repubblica und geistreichen Pamphleten wie die kürzlich im Kielwasser seiner erfolgreichen Contro la comunicazione (2oo4, dt. Wider die Kommunikation 2oo6) bei Einaudi erschienenen Miracoli e traumi della comunicazione in die laufende Debatte einzuschalten. »Es ist eine Illusion zu glauben, Staat und Religion könnten sich in der gegenwärtigen Welt ihre Glaubwürdigkeit auch ohne Kultur erhalten ... In einer Gesellschaft ohne Kultur degeneriert der Staat zu einer Lobbyistenarena und die Religion zu der Arroganz, ein Recht über anderer Leute Ansichten und Verhalten zu haben«, wie er in Miracoli e traumi della comunicazione ausführt. In der Tat leide der Katholizismus, all seiner Medienpräsenz zum Trotz, unter einer Vertrauenskrise. Möglich, dass auch die Kirche in einem Kristallisationsprozess im Sinne Arnold Gehlens begriffen ist[i], dass sie also – wie auch andere Institutionen – in einem kulturellen Kontext, der die eigenen Reserven aufzehrt, handlungsunfähig sei.
Wir treffen Perniola in einem Lokal unweit der Statue von Giordano Bruno auf dem Campo de' Fiori in Rom und fragen ihn, wo sein Interesse am Katholizismus herrührt. »Es hat sich erst spät, eng verbunden mit meinem Umzug 1968 mit 27 Jahren nach Rom herausgebildet. In dieser Stadt habe ich seither den größten Teil meines Lebens verbracht, aber sie war kein Vaterland für mich, sondern ein Kinderland, etwas Rätselhaftes also, worüber ich mich eigentlich unablässig selbst befragt habe. Zwei Aspekte dieser Stadt haben mich in ihren Bann gezogen: das antike Rom und der Katholizismus als dessen, in meinen Augen, natürliche Fortsetzung. Ihrer beider Größe schien mir in ihrer Methode zu liegen, die einer  ausgesprochen formalen Logik folgt, durch die sie überall anwendbar ist. Roma caput mundi.« Dann hat Sie also in Ihrer Jugend die Religion nicht sonderlich interessiert. »Ganz im Gegenteil. Die Dimension des Religiösen ist stets ein nicht weg zu denkender Teil von mir gewesen, sodass ich nie richtig verstanden habe, was es eigentlich bedeutet, ein Laie zu sein, wenn nicht einfach nur die Tatsache, kein Priester zu sein. Mir erscheint alles, was als Laientum gilt, wie die Säkularisierung des früher einmal Religiösen, das vom Religiösen noch dessen wesentliche Charakterzüge beibehält. Ich will das an einem Beispiel aus meinem Lehrfach, der Ästhetik, verdeutlichen: deren theoretische Durchdringung im 17. Jahrhundert stellt im Grunde nichts anderes als die philosophische Formulierung eines religiösen Gefühls dar, das im Pietismus und Quietismus des 16. Jahrhunderts wurzelt.« Dem Religiösen standen Sie demnach nicht fremd, sondern anders gegenüber? »Genau. Obwohl ich also in Italien geboren und dort bis zu meinem 27. Lebensjahr gelebt hatte, war ich auf meinem Lebensweg nie dem Katholizismus, sondern nur anderen Religionen begegnet. Im Wesentlichen dreien: dem Protestantismus waldensischer Prägung als Religion eines Teils meiner Familie; der Freimaurerei, der mein Großvater angehörte und in deren nahezu kultischer Beachtung von Vernunft und Ritualität ich aufgewachsen bin; und dem klassisch griechischen Heidentum mit seinen wesentlichen Charakterzügen von Agonismus, kultischer Verehrung der Helden und Totenfeiern, Urbanität und Mythologie. Soweit also die drei Grundkomponenten meiner frühesten Erziehung, anschließend verstärkt durch die Schule (mein erstes großes Buch mit zehn Jahren war die Ilias, daneben hinterlassen auch acht Jahre Latein und fünf Jahre Griechisch ihre untilgbaren Spuren) und die Universität (den Kern der Persönlichkeit meines Lehrers Pareyson bildete eine Mischung aus Jansenismus und Formalismus).« Tatsächlich so gut wie nichts Weltliches also. »Meine Erfahrungen mit Weltlichem und Ernüchterung habe ich seltsamerweise durch die an meiner Ausbildung beteiligten Katholiken gemacht: Mein Onkel, ehemals Zögling der Brüder der christlichen Schulen, hielt den Eintritt in ein Priesterseminar nur dann für lohnenswert, wenn man einer so einflussreichen Familie angehörte, dass die Garantie auf ein Bischofsamt mit inbegriffen gewesen wäre; Gianni Vattimo werde ich immer für seine Aufklärung, was Universität heißt, danken, dafür, dass er mir diesbezüglich gleich die Augen geöffnet hat; Umberto Eco und seine Joyce-Vorlesungen haben mich mit vielen sprachlichen und geistigen Labyrinthen bekannt gemacht.«
Neben Vattimo, Eco, Givone, Ciancio, Perone und später noch Ferraris und Tomatis ist Perniola ein glänzender Eleve der Schule Luigi Pareysons (1918-1991), des postkonziliar-theologisch orientierten Philosophen, der die Leitfigur des Turiner Aktionismus war.. Pareysons Ontologie trägt, genährt an der Lektüre von Jaspers, Heidegger, aber vor allem von Schelling, das Drama der Freiheit bis in die Existenz Gottes hinein. Ein solches Denken gießt Mut ins Herz des Christentums und ermuntert es, sich von Verteidigungsschemata zu verabschieden, die auf einem unangemessenen Rationalismus fußen, um den kairos, den günstigen Zeitpunkt der Moderne abzupassen. In Wirklichkeit sind sich heute sogar schon die Theologen selber der Schwierigkeit um den eigenen Zeitpunkt, um die Gunst des Augenblicks bewusst, während andere Religionen, und hier allen voran der Islam, die Szene stürmen und der öffentlichen Tagesordnung ihre günstigen Zeitpunkte vorschreiben. Da gibt es den Benediktiner Elmar Salmann [geb. 1948 in Hagen, geweihter Priester und derzeit Hochschullehrer für Philosophie und Systematische Theologie an den päpstlichen Universitäten in Rom, A. d. Ü.], der Europa einlädt, ironisch elegant seinen Abschied zu nehmen, während in anderen Breitengraden das Christentum blühe. Oder auch Pierangelo Sequeri [geb. 1944 in Mailand, Hochschullehrer, Studien im Schnittpunkt von Theologie, Philosophie, Psychologie und Ästhetik, A. d. Ü.], der die Gläubigen zum Engagement für eine »leidenschaftliche und normale Sichtbarkeit des christlichen Geistes« auffordert.
»Um der Klarheit willen«, erklärt Perniola, »möchte ich das Christentum vom römischen Katholizismus absetzen. Das eine birgt eine sehr viel weitläufigere Problematik in sich, die sowohl die Orthodoxen wie die Protestanten und noch weitere Gruppierungen mit ihren vollkommen unterschiedlichen Gestaltungen in Geschichte, Sensibilität und Schicksalen mit einbezieht. Die katholische Problematik entsteht erst im 16. Jahrhundert mit der Controriforma – oder wie sie korrekter bezeichnet wird – der Katholischen Reform, ein Erbe mehr noch der klassischen Antike und der Renaissance denn des Alten Testaments oder vielleicht sogar des Neuen Testaments. Eine geniale Konstruktion, unauslöschlich geprägt von der romanità, der klassisch römischen Welt, zu der die neuen religiösen Orden wie die Jesuiten mehr beigetragen haben als die päpstliche Aristokratie (die sich in einer Situation des ökonomischen Niedergangs dank des Maggiorasco [feudales Erbrecht, das den ältesten Nächstverwandten begünstigt, A. d. Ü.] immerhin über mehr als drei Jahrhunderte am Leben erhalten hat.) Wenn ich Francesco Guicciardini und Ignazio di Loyola in meinem Buch so große Bedeutung beimesse, so weil ihr ganzes Denken von den Katastrophen der Italienkriege und vom Sacco di Roma im Jahre 1527 ausgeht.«
Rom, urbis, der Stadtkreis, also im Zentrum des Ganzen, im Guten wie im Bösen. »Rom als Stadt ist nichts für sentimentale oder leidenschaftliche Leute, ebenso wenig für rationalistische oder übermäßig logische Köpfe«, antwortet Perniola, »das war mir gleich aufgefallen. Für Hegel war die Religion des antiken Rom lediglich Aberglaube ohne eine Doktrin und ohne geistigen Gehalt. Von seinem protestantischen Standpunkt her urteilt er sehr richtig, dass Rom die Individualität all der Götter und großen Geister in seinem Pantheon vereint, sie ihrer Kraft beraubt und ausgelöscht habe; es habe der Welt das Herz gebrochen.« Und diese Auffassung, meinen Sie, geht in den Katholizismus über. »Ja, aber nicht, ohne dass ihm dabei eine besondere Weise zu fühlen und eine besondere Rationalität innewohnten, beide eine Verschmelzung von esprit de finesse und strategischer Raffinesse, die ihrerseits theoriewürdig und zugleich praktisch effizient sind. Und so habe ich mich auf die Suche nach eben dieser anderen Denkweise gemacht, die im Mythos-freien Ritus der archaischen römischen Religion und des antiken Stoizismus wurzelt, Letzterer als der einzigen Tendenz der griechischen Philosophie, die in Rom Fuß gefasst und über zweitausend Jahre als Grundlage für die Ausbildung der italienischen Führungsklassen gedient hat. Jedenfalls war der Katholizismus des Ancien Régime weit moderner als der Protestantismus.«
Dann haben die Dinge allerdings eine andere Wendung genommen und zwischen Katholizismus und Moderne ist ein Konflikt aufgebrochen. »Der Krise der 7oer Jahre ist die Kirche über den entgegengesetzten Weg entkommen, als die Jesuiten ihr im 16. Jahrhundert aufgezeigt hatten. Damals ging es um die Durchsetzung von Orthodoxie und Orthopraxis, weshalb die Jesuiten auch nicht zufällig zugunsten weitaus radikalerer Bewegungen zur Seite geschoben wurden. Heutzutage vertritt die Kirche den Standpunkt, keine politischen und kulturellen Mittler, keine Philosophen und Theologen mehr zu benötigen. Der Klerus spricht mit seiner eigenen Stimme.« Eine bedeutsame Wendung. »Diese Veränderung«, fährt Perniola fort, »ist dem Einfluss, scheint mir, einmal des amerikanischen Fundamentalismus und andererseits der iranischen Revolution zuzuschreiben. Die iranische Revolution, so vollkommen unerwartet und undenkbar für die Kategorien der 6oer und 7oer Jahre sie ist – der schiitische Klerus übernimmt die politische Macht, ein Wunder und gleichermaßen ein Trauma –, sie weckt eben auch bei den Katholiken immense Ambitionen. So fällt, noch beflügelt vom hemmungslosen Umsichgreifen der kompetenzlosen und rollenlosen Gesellschaft des Spektakels, mit der die Kirche in ein Verhältnis mimetischer Rivalität tritt, die Unterscheidung zwischen Theoretikern und Organisatoren.« Die mimetische Rivalität ist ein Begriff des französischen Philosophen René Girard: mein Wunsch entsteht durch Nachahmung aus dem Wunsch des Anderen. Katholizismus und Medien streiten um den Menschen, die Gesellschaft, um dasselbe Objekt, dessen Wert sich nach dem Wert in den Augen des Anderen, des Rivalen, bemisst. »Das Jubiläumsjahr 2ooo«, so Perniola, »markiert die Peripetie dieser mediatischen Strategie. Zu dem Zeitpunkt setzt der Niedergang ein. So heftig Papst Johannes Paul II. im Frühjahr 2003 den zweiten Irakkrieg ablehnt, es bleibt ohne Wirkung, und ein Gefühl tiefer Frustration durchzieht die pazifistische Bewegung, die sich zu einem wesentlichen Teil aus Katholiken zusammensetzt. Ein spanischer Schriftsteller, Miguel Amorós, hat von der ›unerträglichen Leichtigkeit des Protests gegen den Krieg‹ gesprochen.«
Das Phänomen der shahid – à propos schreckliche Leichtigkeit – löst Betroffenheit aus. »Es ist der epidemische Charakter der islamistischen Selbstmordattentate, der im Bewusstsein der religiösen Menschen für tiefe Beunruhigung sorgt. Währenddessen stehen die nationalen katholischen Kirchen vor schwierigen Problemen, zu deren Lösung Rom ob seiner fehlenden Sensibilität wenig beiträgt. Doch noch ist nicht alles verloren. Im Gegensatz zum Protestantismus, der alles Heil der unergründlichen Gnade Gottes überantwortet, werden im Katholizismus die Werke der Nächstenliebe als ein wesentlicher Aspekt weiterhin befürwortet und verzeichnen Zuwachs. Daneben wird die Messe in lateinischer Sprache wieder eingeführt, was der Banalisierung des Ritus entgegenwirkt.«
In diesen Rahmen verorten Sie Ihre Überlegungen zum katholischen Fühlen. »Mein Buch kam 2001 fast gleichzeitig mit Andrew Greeleys[ii] The Catholic Imagination heraus, mit dem es viele Übereinstimmungen aufweist, vor allem die besondere Aufmerksamkeit für die ›kulturellen Katholiken‹, die sich zwar in der katholischen Kultur wiedererkennen, aber nicht zwangsläufig in den Worten des Klerus. Sie verfechten einen Glauben frei von Dogmen, eine Hoffnung frei von Aberglauben und eine Nächstenliebe frei von Selbstverleumdung, frei von jener Haltung also, die sich heuchlerisch, weil ohne das nötige Quäntchen pride, Stolz, um die Leiden der Welt sorgt.« Ihre Provokationen sind, wenn ich mich nicht irre, nur schlecht verwunden worden. »Nach einer zunächst sehr günstigen Aufnahme vonseiten namhafter Historiker und Denker, auch in Frankreich, ist das Buch bei uns vollkommen mit Schweigen übergangen worden. Andernorts hat es hingegen so manches wichtige Samenkorn säen können, besonders in Deutschland, in Kanada und sogar in Japan und China. Leider nicht in Brasilien, wo die Befreiungstheologie immer noch stark präsent ist: ich bedauere das sehr, denn Brasilien ist eines der religiösesten Länder der Erde, nun bin ich aber kein Prediger und gründe keine Sekten. Ich übermittele lediglich das Wort der Antiken, nichts weiter.«

Heute scheinen die Katholiken auf diesem Ohr taub zu sein. »Die kulturelle Wende, die in Judentum und Protestantismus bereits im 17. Jahrhundert stattgefunden hat, beginnt den Katholizismus jetzt erstmals zu streifen. Diese Wende liegt insofern in der Sichtweise, als die religiösen Phänomene weder weiterhin erkenntnisgerichtet betrachtet werden, als ginge es um eine Wahrheit, die es über etwas zu behaupten gelte, noch moralisch, als handele es sich um eine bestimmte Vorstellung von Gut und Böse, die es zu verfechten hieße. Meine Untersuchung basiert auf der Vorstellung, dass es neben diesem dogmatischen und moralischen Apparat der Kirche noch einen anderen, autonomen kulturellen Katholizismus gibt. Ihn kennzeichnet, im Unterschied zum Protestantismus, eine Sensibilität, die sich viel stärker im Alltagsleben, in Literatur und den Künsten als in der Theologie und im kirchlichen Ministerium ausdrückt. Anders gesagt, der Katholizismus lässt sich nicht auf die Selbstaussagen der Kirche einschränken, man kann das historische katholische Erbe jedoch auch nicht unterschlagen und eben jene Rückkehr zu den Ursprüngen der Evangelien verlangen, die für den Protestantismus charakteristisch ist. Kultureller Katholizismus misstraut einem individualistischen Subjektivismus, der die Religion künstlich auf ein privates Gefühl ohne historische und soziale Wurzeln reduziert. Er verweigert sich aber genauso dem ideologischen Geheiß, irgendetwas zu glauben und zu tun, und hebt ganz außerordentlich das rituelle Fühlen hervor, das im 18. und 19. Jahrhundert in viel größerem Ausmaß von Schriftstellern und Künstlern als vom Klerus verstanden und gelebt worden ist.«

Mit dieser Vorstellung von einem kulturellen Katholizismus sehe ich Sie ziemlich einsam dastehen, wie bereits Ihren Lehrer Pareyson in seinen letzten Lebensjahren. »Ja, aber diese Dinge machen durchaus schon bei den Politikern ihre Runde! Was sich vor acht Jahren noch ziemlich unzeitgemäß anhörte, ist jetzt endlich auf seinen günstigen Zeitpunkt gestoßen. Der Prozess der Zivilisation liegt nicht in den moralischen Doktrinen und Vorschriften, die ihre Glaubhaftigkeit ohnehin verloren haben, sondern in der Ästhetik, in den guten Manieren, in der Etikette. Als mein Buch erschien, wurde sein Kerngedanke von katholischen Liturgiewissenschaftlern und von dem einen oder anderen Verlagsleiter geteilt. Diese Leute sind in der Folgezeit, so scheint mir, zur Ordnung gerufen worden. Es wissen aber viele Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche sehr gut, dass die Alternative nicht zwischen Konservativen (es ist keine Rückkehr zu den 5oer Jahren möglich) oder Progressiven (es hat keinen religiösen Fortschritt gegeben) liegt. Die Wahl besteht allein zwischen einer Religiosität »Marke Eigenbau«, wo sich alles mit allem ohne Grund und Zusammenhang vermischt, und dem Formalismus, der zumindest die menschliche Gesellschaftlichkeit rettet.«
Am 21.11.2009 empfing Benedikt XVI. in der Sixtinischen Kapelle Hunderte von Künstlern aus aller Welt (Ansprache abrufbar auf www.vatican.va): Schriftsteller, Sänger, Architekten, Fotografen, Regisseure, Maler, Dichter, Bildhauer. Zehn Jahre nach dem noch von Johannes Paul II. verfassten »Brief an die Künstler« hatte der Präsident des Vatikanischen Kulturrats Monsignore Gianfranco Ravasi diese Begegnung organisiert, um die Allianz Glaube – Kunst neu zu beleben. »Nach Jahren, in denen es mitunter vergnügte Zeugen der Trennung gegeben hat, sollten sich die Künstler jetzt wieder mit großen Erzählwerken wie der Genesis messen. Kunst hat nicht das Ziel, das Sichtbare, sondern das Unsichtbare im Sichtbaren darzustellen«.
 
Bericht über ein Interview mit Mario Perniola, erschienen am 21.11.2009 im Foglio Quotidiano, aus dem Italienischen von Sabine Schneider




[i] Arnold Gehlen, »Über kulturelle Kristallisation« (1961), in: Ders.: Studien zur Anthropologie, Neuwied 1963, S. 311-328.
[ii]Andrew Greeley (1928-2013) war ein irisch-amerikanischer römisch-katholischer Priester, Soziologe, Journalist und Schriftsteller. Er lehrte an den Universitäten von Arizona und Chicago, und schrieb regelmäßig für die New York Times, die Chicago Sun Times und den National Catholic Reporter. Seine Werke sind bisher nicht ins Deutsche übersetzt [A.d.Ü.].