Der Neue Pfahl

  • Radonitzer: Goldstein lesen 4

    Radonitzer: Goldstein lesen 4

    Frauen

    Der Romanerzähler lebt in einer Männergesellschaft. Männer, ihre Geschichten, ihre Rituale, ihr Überleben und Sterben sind sein Stoff. Dennoch begegnet uns gleich am Beginn des Romans eine Frau, Lana Bykowa. Sie ist so etwas wie eine mütterliche Freundin des Erzählers, Lanotschka, wie er sie zärtlich nennt, »eine kleine Dicke von laut Ausweis dreiundvierzig Jahren, meine Chefin beim Kollationieren der Papiere des Parteiarchivs«. Mit ihr und einem Dutzend Frauen, Türkinnen, Armenierinnen, Russinnen, Jüdinnen, sitzt er in der Korrekturabteilung der Druckerei. Lana Bykowa war er als Kind begegnet, sie hatte den heulenden Knaben in der Banja Fantasjia getröstet.

    Von welchen Frauen spricht der Erzähler, der manchmal das Alter Ego des Autors ist?

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    Radonitzer liest Alexander Goldsteins Roman »Denk an Famagusta«

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  • Radonitzer: Goldstein lesen 3

    Film

    Lushin war kein »Kinogeher«. Ein Kino besuchte er nur einmal – nach dem Ende seiner Schachkarriere. Die in den Räumen des Filmkonzerns »Veritas« hängenden Fotos, auf denen ein blasser Mann mit starrem Gesicht und großer amerikanischer Brille zu sehen war, der mit den Händen am Gesims eines Wolkenkratzers hing – drauf und dran, in die Tiefe zu stürzen, sagten ihm nichts. Für Nabokov die Andeutung von Lushins Ende – Fenstersturz.

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    Radonitzer liest Alexander Goldsteins Roman »Denk an Famagusta«

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  • Radonitzer: Goldstein lesen 2

    Schach

    Im letzten Kapitel des Romans bekennt der Erzähler (das alter Ego des Autors), Glück wäre für ihn »die Schachveranda im griechischen Limassol auf Zypern und die kleinen Lämpchen auf den Tischen zu einer Tasse Tee mit Rum oder Kognak«. Orte, an denen man Schach spielt, tauchen im Text mehrfach auf; der Erzähler nimmt die Blitzschachspieler, die Kommentatoren, selten die Meister, oft nur im Vorbeigehen wahr. Die Schwindler und Hochstapler tummeln sich an anderen Plätzen.

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    Radonitzer liest Alexander Goldsteins Roman »Denk an Famagusta«

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  • Radonitzer: Goldstein lesen 1

    Es hätte Alexander Goldstein sicher gefallen, hätte er erfahren, dass im Verlag, der 2016 seinen grandiosen Roman »Denk an Famagusta« herausbringen würde, drei Jahre zuvor in der Reihe »Naturkunden« ein großformatiger Band über die Dinosaurier erschienen war. Die phantasievollen Zeichnungen des tschechischen Künstlers Zdeněk Burian ließen jene »Verlorenen Welten« erstehen, in denen andere Geschöpfe die Erde bevölkerten. In der 9. Klasse hatte der junge Alexander einen Aufsatz über »seinen Lieblingshelden« zu schreiben, entgegen dem Rat seines Vaters, eines erfahrenen Journalisten, und dem ungeschriebenen Gesetz, dieser Held dürfe nur ein Bestarbeiter oder Kriegsheld sein, wählte der Knabe eines jener urzeitlichen Wesen, die Echse Chiroterium, entsprungen der Phantasie des Künstlers, denn es gab nicht den geringsten Beweis ihrer Existenz.

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    Radonitzer liest Alexander Goldsteins Roman »Denk an Famagusta«.

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  • Mario Perniola: Vom katholischen Fühlen

    Mario Perniola: Vom katholischen Fühlen

    Del Sentire Cattolico - Die römischen Cäsaren an der Wurzel des Papsttums - Der liturgische Formalismus als Schatzkammer der Logik - Die Modernität des Katholizismus - Die andere Sichtweise Mario Perniolas

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  • Joachim Schultz: Kurz und bündig? Probleme beim Übersetzen von Aphorismen

    Joachim Schultz: Kurz und bündig? Probleme beim Übersetzen von Aphorismen

    Kurz und bündig müsse er sein. Dies wird man oft hören, wenn man literarisch interessierte Menschen fragt, was man sich unter einem Aphorismus vorzustellen habe. Wenn man etwas länger darüber nachdenkt, werden einem einige Ausnahmen einfallen. Zum Beispiel Adornos Buch Mimima moralia gilt allgemein als Aphorismensammlung, einige darin enthaltene Texte sind mehrere Seiten lang. Gleichwohl gilt der Satz von Jean Paul: "Sprachkürze bringt Denkweite." Darum wird die Kürze bei meinen Überlegungen zur Übersetzung von Aphorismen immer wieder zur Sprache kommen, doch daneben noch eine ganze Reihe weiterer Themen und Probleme, die vielfach allerdings sich ganz allgemein bei Übersetzungen stellen. Im Mittelpunkt stehen meine Übersetzungen französischer Aphorismen ins Deutsche, womit ich mich seit etwa dreißig Jahren beschäftige. Im ersten Teil geht es um Aphorismen des französischen Dichters Saint-Pol-Roux, im zweiten Teil um Übersetzerworkshops, die ich an der Universität Bayreuth geleitet habe.

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  • Jörg Plath: Wassili Golowanows Reisen auf die Insel Kolgujew

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    Erlauben Sie, dass ich Ihnen einen Mann vorstelle, der auszog, das Hoffen zu lernen. Sein Vorgänger im Märchen, so kommt es mir vor, hatte es deutlich einfacher als er. Er bewegte sich in die Welt hinaus, um dort das Gruseln zu lernen, und obwohl ihm allerlei zustößt, was dazu angetan wäre, bleibt er völlig ungerührt, geistesgegenwärtig und handlungsfähig. Das Gruseln lernt er freudig erst am Ende, als des Nachts seine Braut Wasser aus dem Bach mit Gründlingen über ihn kippt. Die Fischart trägt ihren Namen nicht umsonst und bringt Abgründiges ins Spiel, das dem jungen Mann zuvor sehr fern war. Was er im Überfluss besaß, war Selbst- und Weltvertrauen, eines ohne Grund und Boden freilich. Der junge Mann, der hier oben sitzt und auszog, das Hoffen zu lernen, hatte es in eben dieser Hinsicht ungleich schwerer.
    Wassili Golowanow - so heißt der Mann hier oben, der sich Ihren Blicken und bald meinen Fragen aussetzt, so heißt aber auch jene Person, die in einem Buch dieses Mannes die Rolle der Hauptperson und den Erzähler gibt - Wassili Golowanow also besaß kein Weltvertrauen, kein Gottvertrauen mehr, und brach deshalb auf aus seinem Leben.
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  • Sina dell'Anno: Michael Donhausers ›Variationen in Prosa‹

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    Versucht man, etwas verloren und gleichsam ergriffen in der scheinbaren Undurchdringlichkeit der vielstimmig klingenden Evokationen und abreissend hallenden Erzählfragmenten von Donhausers Variationen, sich diesen Gedichten, die als solche noch nicht einmal durch eine Versform äusserlich gekennzeichnet sind, zu nähern, so wird man mit dem sprechenden Titel, und damit mit der Frage nach dem Was der Variation, quasi der „Variable“ beginnen.
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  • Alexander Pschera: Die gepanzerte Gesellschaft

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    Die Zeit ist gekommen für Entpanzerung. Nicht noch mehr Überwachungskameras in öffentlichen Räumen sind die Antwort auf die Anschläge von Boston, sondern eine geschärfte öffentliche Wahrnehmung gepaart mit Widerstands- und Regenerationsfähigkeit des sozialen Systems, das von den Attacken getroffen wird.
    Wir müssen also vor allem lernen, uns der katastrophalen Welt anzupassen und aufhören, sie zu bekämpfen. Das ist die Logik der Resilienz.

    Ein Essay von Alexander Pschera
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  • Byung-Chul Han: Die Ethik des Drohnenkriegs

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    Alle, vom Luftwaffenchef der Bundeswehr über den Wehrbeauftragten des Bundestages bis zum Bundesverteidigungsminister, wollen sie haben, die bewaffneten Drohnen, am besten sofort. Kürzlich heißt es aus dem Verteidigungsministerium, der Einsatz von bewaffneten Drohnen sei »ohne Zweifel sinnvoll«. Trotz massiver Probleme, die die Tötung per Mausklick mit sich bringt, geht kein Aufschrei durch die Gesellschaft.

    Ein Essay von Byung-Chul Han
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  • Alexander Pschera: Die Erotik der Geheimdienste

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    Affairen können symptomatisch sein.
    Affairen sind Ereignisse des Unerlaubten. Das Unerlaubte sagt manchmal mehr über die Zeit aus als das Erlaubte. Denn es ist derjenige Teil der Wirklichkeit, der nicht einsehbar ist. Auch der Weg, auf dem sich das Unerlaubte verwirklicht, und die Form, in der es kommuniziert, sind signifikant. Affairen werfen ein grelles Licht auf Machtstrukturen.

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    Eine Kritik von Alexander Pschera
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  • Byung-Chul Han: Südkorea - Eine Müdigkeitsgesellschaft im Endstadium

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    Mehr an Information führt auch nicht notwendig zu besseren Entscheidungen. Die Intuition etwa hängt nicht von der Menge der verfügbaren Informationen ab. Durch die wachsende Informationsmasse verkümmert heute das höhere Urteilsvermögen. Oft bewirkt ein Weniger an Information ein Mehr. Die Negativität des Auslassens und des Vergessens ist produktiv. Gerade das analytische Vermögen setzt die Fähigkeit des Aus- und Weglassens voraus. Mehr Information und Kommunikation allein erhellt die Welt nicht.

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    Eine Reportage von Byung-Chul Han
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  • Sandra Frimmel: Theater im Taganer Gericht - Die Reportage eines Prozesses

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    Kunst als Verbrechen - Seit Beginn der Neuzeit geraten Künstler und ihre Werke immer wieder in Konflikt mit den herrschenden rechtlichen Normen. Gemeint sind hiermit keinesfalls breit angelegte Diffamierungs- oder Verfolgungskampagnen wie im Dritten Reich oder in der Sowjetunion, sondern jene Gerichtsprozesse, die zu unterschiedlichen Zeiten in Einklang mit dem Gesetz in verschiedenen Staats- und Regierungsformen stattfanden und -finden.

     

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    Ein Essay von Sandra Frimmel

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  • Nathan der Waise: Wer soll was integrieren?

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    Die gegenwärtige Integrationsdiskussion kann man weitgehend einem neuen Religionsstreit gleichsetzen. Um den wiederum zu beurteilen, muss man zur historischen Quelle zurückgehen, nämlich zur ursprünglichen Verhaltensweise der modernen, kapitalistischen Gesellschaft in Bezug auf die Religion.

    Ein Essay zur Integrationsdebatte ...
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  • Alexander Pschera: Das Ende des Sozialkomas

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    Auch Freiheit wird zu einem sozialdestruktiven Element. Auf Dauer kann das nicht gut gehen. Kein Markt, der sich selbst auflöst und unsichtbar wird, hat Überlebenschancen. Die Krise des Kapitalismus ist nicht die Logik seiner Wertschöpfung oder irgendeine Frage der Gerechtigkeit, sondern das Koma, in das er das Soziale versetzt hat.

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    Ein Essay von Alexander Pschera
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  • Felix Philipp Ingold: Zum Ende denken

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    In der russischen philosophischen Kultur des 20. Jahrhunderts nimmt Lew Schestow - geboren 1866 in Kijew, gestorben 1938 als Exilant in Paris - eine singuläre Stellung ein. Als Philosophen kann man ihn eigentlich nur ex negativo bezeichnen, hat er doch weder ein philosophisches Studium absolviert, noch jemals einer philosophischen Schule angehört oder gar eine solche begründet, und es gibt auch kein einziges philosophisches Werk von ihm, das man vorbehaltslos als sein eigenes bezeichnen möchte. Denn Schestow hat sich durchweg an Fremdtexten abgearbeitet, die er konsequent wider den Strich las, um sie, fast ausnahmslos, einer ebenso respektvollen wie vernichtenden Kritik zu unterziehen.

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    Eine Betrachtung von Felix Philipp Ingold
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  • Gerrit Confurius über den Homo Oeconomicus

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    Hans Magnus Enzensberger äußert im Spiegel vom 4. November 2011 Zweifel am Ideal des homo oeconomicus, mit dem wir so tun, als sei das, was allen sozialen Rollen gemeinsam ist, der Antrieb, den eigenen ökonomischen Vorteil zu maximieren – wo doch schon im 18. Jahrhundert vom allgemeinen Nutzen der privaten Laster die Rede sei.
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  • Einige Überlegungen zu Gerrit Confurius ICHZWANG

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    Im Zentrum der Beobachtungen und Überlegungen, die der Autor hier ausbreitet, zu denen die Kritik am Optimierungswahn und den Boom der Coaching- und Lebenskunst-Literatur zählt, die Kritik am Wahn der Erfolgreichen und Reichen, ihren Erfolg oder ihr Vermögen verdient zu haben, sowie eine Charakterisierung dessen, was das negative Heldentum des Film-noir ausmacht, steht die Suche nach der wahren Natur des Ich, jenseits des für die Sache selbst gehaltenen Konstrukts, mit dem Psychologie und Psychotherapie arbeiten und das zum Fundament der bürgerlichen Gesellschaft und all ihrer Institutionen und Selbstgewissheiten geworden ist.
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  • Michael Lentz – Valeri Scherstjanoi, der letzte Futurist

    »es ist immer gegenwart«, heißt es am Schluss von Gerhard ; ...
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  • Nathalie Mälzer-Semlinger: »Langage fou« und »langage littéraire« – Zur späten Entdeckung von Maurice Blanchots Roman »Der Allerhöchste«

    Dreiundsechzig Jahre nach seinem Erscheinen in Frankreich liegt Maurice Blanchots Roman Le Très-Haut nun erstmals auf Deutsch vor. Dieser beachtliche zeitliche Abstand könnte Anlass geben, über die Ursachen für diesen »retard de traduction« zu spekulieren.

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  • Christian Thanhäuser: Erster Schultag

      Erster Schultag, zusammen mit einer Schar verunsicherter Kinder nach ...
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