19.05.2026

»Mit dem Kopf durch die Wand«. Zum 90. Geburtstag von Axel Matthes

von László F. Földényi

 

Als ich ihn im Frühjahr 1986, genau vor vierzig Jahren, kennenlernte, war er viel jünger, als ich es heute bin; er war gerade einmal fünfzig Jahre alt. Mir gegenüber war er natürlich sechzehn Jahre älter. Damals wie heute. Trotzdem habe ich ihn nie als »alt« empfunden. Vom ersten Moment an hatte ich den Eindruck, dass die Zeit an ihm nicht zerrt. Gleich bei unserer ersten Begegnung beeindruckte er mich mit seiner Offenheit, seiner Energie. Mit seinem Enthusiasmus. Wie bei einem der von ihm behutsam gepflegten Franzosen, Antonin Artaud, lautete auch sein Motto bis heute: »Ich anerkenne, was mir passt und nicht, was auf der Linie liegt.« Im Bereich des Geistes war er zu keinerlei Kompromiss bereit. »Mit dem Kopf durch die Wand«, sagte er kürzlich über sich selbst. Wozu ich hinzufügen möchte: und weiter.

Axel Matthes wurde am 18. Mai 1936 in Berlin geboren, lebte nach dem Krieg im östlichen Teil der Stadt und zog Mitte der 1950er Jahre in den Westsektor. Wie er sagte, machten ihn die Jahre in Ost-Berlin für immer immun gegen jede Art politischer Verführbarkeit. Nach seinem Studium arbeitete er zunächst als Buchhändler und Lektor, dann war er 1968 in München Mitbegründer des Verlags Rogner & Bernhard, dessen zahlreiche Veröffentlichungen bis heute zu den begehrten Buchraritäten zählen. Nachdem er diesen Verlag verlassen hatte, gründete er 1977 gemeinsam mit Claus Seitz den Verlag Matthes & Seitz, den er nach dem Ausscheiden von Seitz im Jahr 1983 allein weiterführte. Der Verlag wollte von Anfang an die Tradition Nietzsches und des französischen Surrealismus am Leben erhalten.

Der Geist von 68 war in Westdeutschland zu dieser Zeit noch lebendig; die 70er und 80er Jahre waren nicht nur durch den Abbau verknöcherter Hierarchien gekennzeichnet, sondern auch durch einen neuen Dogmatismus, der untrennbar mit 68 verbunden war. Ich erinnere mich noch gut daran, wie prägend Georg Lukács’ Werk Die Zerstörung der Vernunft war, als ich 1976 zum ersten Mal in Westdeutschland war, und zwar im Denken derjenigen, die sich selbst als links bezeichneten. Den Faschismus aus der großen Tradition des deutschen Irrationalismus abzuleiten: Dieser geistige Kurzschluss war damals weit verbreitet. Zusammen mit Hitler wollten viele auch eine prägende Linie der deutschen Kultur in Klammern setzen. Selbst ein so einflussreiches Werk wie Habermas’ Der philosophische Diskurs der Moderne (1985) entstand im Grunde aus einem tiefen Misstrauen gegenüber dem Irrationalismus.

Das Ziel des Matthes & Seitz Verlags war von Anfang an, all das, was politisch als »Irrationalismus« gebrandmarkt worden war, nicht nur aus dem Vorurteilsgeflecht der Linken, sondern auch aus dem der Rechten und des Kryptofaschismus zu befreien. Nachdem zwei Italiener die gründlichste Ausgabe von Nietzsches Werken erstellt hatten, versuchte Axel Matthes, den deutschen kritischen Diskurs mit dem Geist des französischen Surrealismus zu »impfen«: Als kleiner, neu gegründeter Verlag erwarb er die Rechte von Autoren, an denen die großen deutschen Verlage damals kein besonderes Interesse zeigten. Antonin Artaud und Georges Bataille, André Masson und Michel Leiris oder Jean Baudrillard. Er lancierte Buchreihen und veröffentlichte in zehn Bänden die vollständige Ausgabe der Romane Justine und Juliette des Marquis de Sade (in der Übersetzung von Stefan Zweifel und Michael Pfister, die als »Sadeologen« auch durch weitere Publikationen das Profil des Verlags stärkten), sowie den Nachdruck des Gesamtwerks von Rahel Varnhagen. Schon früh schlossen sich ihm Autoren an, die sich Artaud, Bataille und dem Surrealismus verschrieben hatten, wie Rita Bischof oder Elisabeth Lenk. Oder Bernd Mattheus, der neben Biografien von Artaud und Cioran in drei Bänden auch die Biografie Batailles verfasste (Georges Bataille. Eine Thanatographie), die in ihrer Gründlichkeit und Detailfülle selbst im Französischen ihresgleichen sucht. Und Gerd Bergfleth, der Batailles Werke übersetzte, begleitet von ausführlichen Studien. Die beiden Letzteren leben nicht mehr. Das Jahrbuch mit dem vielsagenden Titel »Der Pfahl«, das ab 1987 neun Jahre lang erschien, hätte auch diesen Untertitel verdient: Von der Peripherie ins Zentrum.

Denn das war Axel Matthes’ Lebensprogramm: all das zu befreien, worauf der herrschende Geist lastete und was er nicht zur Geltung kommen ließ. Die Peripherie hatte auch eine geografische Bedeutung: Autoren wie die Spanierin María Zambrano, die Italienerin Cristina Campo, der Kolumbianer Nicolás Gómez Dávila, der Rumäne Valeriu Marcu, der Russe Pavel Florenskij, der französisch-uruguayische Albert Caraco oder der Ukrainer Anatoli Kusnezow (Babyn Jar) ins Zentrum zu holen. Aber sie hatte auch eine geistige Bedeutung: Er brachte vergessene Autoren wieder ins Bewusstsein, wie zum Beispiel Jürgen von der Wense. Noch heute ist das geistige Erdbeben erinnerlich, das Botho Strauß’ Essay Anschwellender Bockgesang auslöste, dessen erweiterte Fassung nach einer Vorveröffentlichung im siebten Band von Der Pfahl erschien. Auch diesem Essay ist es zu verdanken, dass Axel Matthes unter ständigen Angriffen arbeitete: Seine Offenheit für Grenzüberschreitungen und ästhetische Subversivität wurde (und wird von manchen bis heute) als rechtsextreme politische Haltung interpretiert, und in einigen seiner Autoren (selbst bei Bataille) witterte man Faschisten. Das Bedürfnis nach »kommunikativem Handeln« stand in den 70er und 80er Jahren im Einklang mit den politischen Zielsetzungen der Bundesrepublik. Der Verlag Matthes & Seitz stand daher in der Münchner Zeit im Kreuzfeuer politischer Angriffe.

Geistige Freiheit ist wie ein Spiegel: manche schrecken vor ihm zurück, andere versuchen, sich darin wiederzuerkennen. Als ich Axel Matthes kennenlernte, hielt auch er mir einen Spiegel vor. Mein Buch Melancholie erschien 1984 auf Ungarisch. Im Frühjahr 1986 stellte mich Michael Krüger in München Axel Matthes vor. Wir unterhielten uns lange, weniger über mein Buch als vielmehr über geistige Fragen im Allgemeinen. Nach einer Stunde erklärte er, er könne zwar kein Ungarisch und kenne auch niemanden, den er mit einem Gutachten beauftragen könne, dennoch wolle er mein Buch gerne veröffentlichen. In den folgenden Jahren entwickelte sich zwischen uns eine enge Arbeits- und Freundschaftsbeziehung; ich wurde zu einem seiner Hausautoren, und das ist bis heute so geblieben. In meinem Leben gab es keinen anderen Menschen, der so genau gespürt hätte, zu welchen Themen er mich erregen konnte und was mich kalt lässt. Seine Inspiration hat meinen intellektuellen Werdegang und meine Entwicklung maßgeblich geprägt. Dafür, und für seine unzähligen persönlichen Gesten der Freundschaft, werde ich ihm immer dankbar sein.

Eigentlich aber bin nicht ich es, der für seine Leistung danken muss. Was er als Verleger geschaffen und erreicht hat, ist inzwischen Gemeingut geworden. Dass die Grenzen der Vernunft nicht von der Vernunft selbst gesetzt werden, ist eine Selbstverständlichkeit im heutigen philosophischen und ästhetischen Denken in Deutschland. Die geistigen Wurzeln, aus denen der Verlag hervorgegangen ist, sind bis heute lebendig, und Andreas Rötzer, der geistige und rechtliche Nachfolger pflegt sie sorgfältig. Der Berliner Verlag Matthes & Seitz führt auch Axel Matthes’ Erbe weiter. Am heutigen Ansehen und der Bekanntheit des Verlags hat der Gründer einen unbestreitbaren Anteil. Am 18. Mai wird er 90 Jahre alt.

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