Meine Erinnerungen an Axel Matthes stammen aus einer Zeit, in der die Welt, sozusagen und gewissermaßen, noch in Ordnung war. Es sind gute Erinnerungen, und das liegt vor allem daran, dass wir alle, Axel Matthes und sein Kompagnon Claus Seitz, mein Freund und Kompagnon Rainer G. Schmidt und ich, noch jung und voller hochfliegender Träume waren.
Persönlich begegnete ich Matthes zum ersten Mal, als Rainer und ich 1979 zu ihm nach München fuhren. Er hatte uns eingeladen, um über eine Edition unserer sehr experimentierfreudigen neuen Rimbaud-Übersetzung zu sprechen. Wir Greenhorns waren aufgeregt und als wir in seinen Verlag traten, wurden wir sehr warm von Matthes und Seitz empfangen. Claus Seitz war besonders herzlich und, wie uns schien, ein wenig beschwipst. Auf dem Bürotisch stand eine angebrochene Cognacflasche. Wir erfuhren, dass gerade der berühmte Rainer Werner Fassbinder zu Besuch war, um über ein Filmprojekt zu sprechen. Für diesen Star hatte Matthes, oder wohl eher Seitz, der sich in solchen Dingen besser auskannte, einen besonders guten Cognac besorgt. Als wir uns gleich darauf in die Arbeitsdiskussion stürzten, schenkte uns Seitz freigiebig von dem edlen Gesöff ein – anfangs zum Missfallen von Matthes, aber als er merkte, dass wir in Hochform gerieten, beteiligte er sich sogar am Umtrunk.
An diesem ersten Nachmittag konnten wir bereits die meisten Dinge für unsere Publikation klären. In Matthes’ Wohnung bereitete uns seine gastfreundliche Frau ein gutes Abendessen aus Omeletts, Bratkartoffeln und Salat. Guter Moselwein durfte nicht fehlen. Wir übernachteten in der Wohnung eines Bekannten von Matthes, der verreist war, und am nächsten Tag unterschrieben Rainer und ich einen Vertrag für unsere Edition, die uns in der Folge manchen Verriss, aber noch mehr Begeisterung einbrachte. Glücklich und stolz fuhren wir nach Hause, Rainer nach Berlin, ich nach Marburg.
Nach einigen Jahren gemeinsamen kreativen Arbeitens und Streitens trennten sich unsere Wege. Rainer begann ein Zweitstudium in Berlin und hatte erst einmal genug vom Übersetzen. Ich zog von Marburg nach Berlin und begann, von Axel Matthes ermutigt, mit der Übersetzung der vierbändigen Autobiografie des französischen Dichters, Ethnologen und Schriftstellers Michel Leiris. Offen gesagt nahm ich den schwierigen Auftrag zum Teil an in der Hoffnung, während der Zeit der Übersetzung genug Zeit für mein eigenes Schreiben zu haben. Diese Hoffnung erwies sich als Illusion, denn schon beim ersten Band der Tetralogie, Streichungen, zeigte sich mir zu meinem nicht geringen Erschrecken die ganze Schwierigkeit und Schwere dieses Übersetzungsunterfangens. Meine Französischkenntnisse, im Gymnasium erworben und in zweijähriger harter Übersetzungspraxis an der Poesie Rimbauds erprobt, waren der hochkomplexen Literatur des Autors zwar intellektuell, aber leider nicht sprachlich gewachsen.
Als Axel Matthes 1981 mit meinem voluminösen Übersetzungsmanuskript von Streichungen in der Aktentasche zu einem mehrtägigen Arbeitstreffen nach Berlin kam, wo ich ihn in meiner schäbigen, aber schöne Bohème-Atmosphäre ausstrahlenden Schöneberger Wohnung empfing, eröffnete er die Diskussion zunächst taktisch geschickt mit Komplimenten über meine Arbeit. Er lobte die intellektuelle Durchdringung und stilistische Eleganz, mit der ich die französischen Bandwurmsätze von Michel Leiris in eine flüssige und gut lesbare deutsche Syntax verwandelt hätte. Das war schön zu hören. Aber dann setzte er zu einer gnadenlosen Attacke auf meine Wortwahl an. Sie sei nicht die von Leiris, einem inzwischen über 60 Jahre alten erfahrenen Schriftsteller, sondern »nassforscher Jargon« eines von allen möglichen Sorten junger deutscher Literatur beeinflussten Anfängers, der von der sprachlichen und intellektuellen Eleganz und Brillanz der französischen Literatur keine Ahnung habe.
Das war starker Tobak für mich. Ich kann mich erinnern, dass wir uns stundenlang erbittert stritten, so sehr, dass das ganze Übersetzungsprojekt zu scheitern drohte. Aber Axel Matthes, der zwölf Jahre Ältere und Reifere, überwand auch diese Krise. Er hatte kurz zuvor Michel Leiris in seiner Pariser Wohnung besucht und begann, mir ausführlich von diesem Besuch zu erzählen. In allen Einzelheiten beschrieb er mir zunächst die große, nicht nur komfortable, sondern luxuriöse »bourgeoise« Wohnung mit antiken Möbeln, Bücherschränken aus Edelholz und mit Originalwerken von Pablo Picasso, Georges Braque und André Masson – alles enge Freunde des Autors – geschmückten Wänden. Millionenwerte, schwärmte Axel Matthes, hingen da an den Wänden einer Privatwohnung. Dann beschrieb er mir seinen Gastgeber, Michel Leiris, eine zarte, knapp mittelgroße Erscheinung, makellos gekleidet und mit vollendeten Umgangsformen. Ich gestehe, dass ich, Matthes in meiner schäbigen Wohnung Wein trinkend und Kette rauchend gegenübersitzend, im Lauf seiner Erzählung öfters innerlich die Nase rümpfte. Die Lebenserzählung eines solchen bourgeoisen reichen Onkels sollte ich, nach der Übersetzung des jugendlichen Rebellen Rimbaud, ins Deutsche bringen?
Aber ich war auch fasziniert von Matthes’ Erzählung, und mir war sofort klar, wie unangemessen ein guter Teil meiner Wortwahl bei diesem Schriftsteller war. Außerdem kam Matthes mir mit der Aufzählung einer Reihe meiner »nassforschen« Wörter zu Hilfe, indem er mich fragte: »Glaubst du, dass dieser Mann solche Wörter benutzt?« Ich konnte nur den Kopf schütteln – auch über mich selbst in meiner Naivität und Ahnungslosigkeit.
So kam es, dass wir dank der überlegenen Menschen- und Weltkenntnis von Axel Matthes diese Krise überwanden und ich in meiner immer noch sehr schweren und schwierigen Übersetzungsarbeit von Band zu Band erfahrener und sicherer wurde. Alle vier Bände erhielten gute und sehr gute deutsche Rezensionen, auch aus Österreich und der Schweiz, denen der Verkauf leider nicht gerecht wurde. Für mich aber war dieses sich über fünfzehn Jahre hinziehende Übersetzungsprojekt nicht nur eine große Literaturerfahrung, sondern auch ein Lebensabenteuer, das mich unermesslich bereicherte.
Während dieser langjährigen Zusammenarbeit zwischen Verleger und Übersetzer kamen wir uns näher. Jeden Folgeband der Tetralogie besprachen und diskutierten wir in meiner Wohnung. Matthes kam meist am frühen Nachmittag von Zehlendorf, wo er in seinem Elternhaus bei seiner Mutter wohnte. Nach meist stundenlanger Arbeit gingen wir in ein nahes Restaurant essen und plauderten über alles Mögliche. Seine Erzählungen aus dem Literaturbetrieb waren für mich immer anregend und inspirierend.
An einen Arbeitsnachmittag erinnere ich mich besonders deutlich, weil er ein kritisches Licht auf eine meiner Lebensgewohnheiten warf. Bei der Arbeit in meiner Wohnung liefen im Hintergrund immer – wie heute bei vielen der Fernseher – Musikkassetten mit einer Mixtur aus Rock-, Pop- und Folkmusik. Irgendwann riss bei Matthes der Geduldsfaden und er sagte ungehalten zu mir: »Stell doch mal diesen Klangkakao ab!« Peinlich berührt, auch ein wenig gekränkt, weil er meine Leibmusik zum »Klangkakao« degradiert hatte, folgte ich seinem Wunsch. Bis dahin war mir nicht bewusst geworden, dass diese Hintergrundmusik Axel Matthes, der nur klassische Musik, vor allem Beethoven, liebte, auf die Nerven gehen könnte. Meine sonstigen Besucher hörten meinen »Klangkakao« immer gern. Ich entschuldigte mich bei Matthes und nahm mir vor, über meine Gewohnheit nachzudenken. Seitdem wurde es stiller in meiner Wohnung.
Jahre später, als ich in engem Briefkontakt mit dem französischen Schriftsteller Pierre Gripari stand, von dessen Werk ich auf Matthes’ Wunsch einiges übersetzte, hatte ich den Vorfall in meiner Wohnung vergessen. Ich bemühte mich damals, Gripari, der Wagnermusik und Opern über alles liebte, meine Rockmusik schmackhaft zu machen. Ich schickte ihm eine Musikkassette mit einer Auswahl meiner Favoriten. Bald kam sie zurück, zusammen mit einem Brief, in dem es unter anderem hieß: »Es tut mir leid, lieber Freund, aber das ist Musik für Leute, die Musik hassen.«
Allerhand, dachte ich mir, gab meine Missionierungsversuche auf und hörte weiterhin mit Genuss meine Musik. Dabei erinnerte ich mich, dass mein Vater, ein guter Sänger und Liebhaber des deutschen Volkslieds, als ich zwölf Jahre alt war und mit ihm um den Platz am Radio stritt, meine Rockmusik auf AFN als »Buschmusik« verunglimpft hatte. Offenbar hat Toleranz nicht nur im Politischen ihre Grenzen.
Aber Axel Matthes gehörte nicht zu den Intoleranten. Er verbat sich meinen »Klangkakao«, weil er ihn bei der Arbeit störte, und nicht, wie Pierre Gripari, weil er ihn ablehnte oder gar hasste. Ich erinnere mich sehr gern an ein langes Nachtgespräch ausgerechnet in einer Kneipe bei mir um die Ecke, Morrison Hotel (ein Tribut an den früh verstorbenen Rockmusiker Jim Morrison), wo man nur – und nicht einmal sonderlich leise – Rockmusik spielte. Während die Rockmusik dröhnte, sprachen wir über unsere Lebens- und Arbeitspläne. Ich bewunderte die Editionen von Axel Matthes, der Lautréamont, Artaud, Bataille, Masson und nicht zuletzt auch unseren Rimbaud publiziert hatte, aber als er mir nun davon erzählte, dass er das Gesamtwerk des von mir verabscheuten Marquis de Sade veröffentlichen wolle, gerieten wir in einen längeren Disput. Es ging nicht nur darum, dass der Verleger sich von diesem Projekt einen großen Verkaufserfolg versprach, was ich noch einigermaßen nachvollziehen konnte. Nein, im Gespräch offenbarte sich auch eine Lebensphilosophie, die mir ganz fremd war. »Das Glück, die Wahrheit«, sagte er zu mir, »liegt im Diesseits, ist von dieser Welt.« Ich widersprach diesem im Kern gottlosen Satz. Damals war ich mit LSD tief in andere Welten und Wahrheiten eingedrungen und sah in einer Welt ohne Metaphysik nicht die Voraussetzung von Glück und Wahrheit, sondern von Unglück und Trug.
Nun, hier standen sich zwei Lebensphilosophien schroff gegenüber. Matthes fühlte sich im Diesseits glücklich und geborgen, ich litt am meines Erachtens gänzlich defizitären Diesseits und fühlte mich fremd in diesem – und nicht erst seit Kurzem, sondern seit ich zurückdenken konnte. Axel Matthes liebte Georges Bataille, ich liebte Antonin Artaud. Beide Autoren hat er verlegt.
So sprachen wir stundenlang, während die Rockmusik dröhnte und nach und nach die langhaarigen und ziemlich vergammelten Gäste verschwanden. Matthes war der einzige kurzhaarige Gast mit Anzug, Krawatte und weißem Hemd. Erstaunt hatte ich schon früh bemerkt, dass keiner der Gäste ihn als Fremdkörper ansah. Er gehörte genauso dazu wie ich. Und so erzählte ich ihm am Ende auch, warum die Kneipe »Morrison Hotel« hieß und wer Jim Morrison war: ein weltberühmter Rocksänger und Dichter, der, schon früh von unmäßigem Whiskykonsum geschwächt, mit 27 Jahren in Paris in der Badewanne an Herzversagen starb. Er liebte vor allem die französischen Dichter, und der junge Rimbaud war für ihn einer, der den Göttern das Feuer stahl und dafür bestraft wurde. Axel Matthes hörte sehr interessiert und aufmerksam zu.
Als wir die Kneipe verließen, war es draußen taghell. Ich hatte viel getrunken und geraucht, auch Matthes, der Nichtraucher, hatte für seine Verhältnisse recht viel getrunken. Aber wir waren nicht betrunken, sondern beseelt von einer luziden Müdigkeit. Axel Matthes stieg in das herbeigerufene Taxi und fuhr nach Zehlendorf, ich suchte meine nahe Wohnung auf und legte mich schlafen.
Das waren gute, intensive und rauschhafte Tage und Nächte, auch ohne Rausch. Mit der Melancholie des 78-Jährigen erinnere ich mich an sie. Ich weiß nicht, wie Axel Matthes, der 90-Jährige, sich jetzt fühlt und erinnert. Aber ich wünsche ihm, der mein erster Verleger, Mentor, Kritiker und in manchen Augenblicken bestimmt auch mein Freund war, noch einen langen Lebensabend voller Heiterkeit und Geistesgegenwart. Beide haben wir, jeder auf seine Weise, versucht, uns in unserem Leben »durch Unermessliches zu erleuchten« (Giuseppe Ungaretti).