17.01.2026

Die Edition Converso kommt zur Friedenauer Presse

Die Edition Converso kommt zur Friedenauer Presse

»… wild, schmutzig, unruhig, rebellisch …« So hatte sich Andreas Rötzer in einem Interview (2024) das Gesamtprogramm seines Verlags, Matthes & Seitz Berlin vorgestellt, als er 2004 den Verlag als Neugründung von Axel Matthes, mit dem er davor schon einige Jahre in München gearbeitet hatte, übernahm: Mit Werkausgaben (von Warlam Schalamow, Jean-Henri Fabre, Gerhard Rühm und anderen) und Reihen wie Fröhliche Wissenschaft oder Naturkunden hat er den Verlag mit der Kanagamaske als Signet in das damals noch junge neue Jahrhundert geführt.

2020 wurde die traditionsreiche, viele Jahrzehnte von Katharina Wagenbach-Wolff geführte Friedenauer Presse mit ihrem einzigartigen Programm Teil des Verlags Matthes & Seitz Berlin und wird seither mit eigenem Profil von Andreas Rötzer geleitet.

2026 nun ein weiterer Versuch in rauen Zeiten, dem Verschwinden der vielbeschworenen Vielfalt der Literaturszene, auch im Zeichen marktpolitischer Solidarität, die Stirn zu bieten: Seit 1. Januar 2026 wird der von Monika Lustig gegründete und preisgekrönte Verlag Edition Converso in der Friedenauer Presse aufgehen. Ein Großteil des bestehenden Programms wird weitergeführt, Monika Lustig wird fortan als Herausgeberin unter dem Dreizack der Meeresgöttin Amphitrite neue Titel ihrer Autorinnen und Autoren verantworten. Als 2019 die ersten Bücher erschienen, hatte Monika Lustig – bis dahin Übersetzerin italienischer Literatur, Autorin, Dozentin, Landwirtin in Sardinien – gerade ihren Mann verloren. Sie strauchelte, doch waren Presse und Veranstaltungsmacher auf ihr Programm aufmerksam geworden: Die Sprachen und Literaturen des gesamten Mittelmeerraums, einschließlich der Adria, abschreiten, um ihn wieder als einen gemeinsamen Raum fruchtbarer Wechselbeziehungen wahrzunehmen. Es geht Monika Lustig darum, hinter Fassaden, Stereotype, Klischees zu schauen und abseitig – di converso – liegende Schätze zu bergen. Wie kurzlebig das Buch als Ware, wie erbarmungslos die Gesetze des Buchmarkts, davon hatte sie freilich wenig Ahnung und musste schmerzhafte Erfahrungen machen. Doch Qualität setzt sich durch, und unter anderem der Erfolg des Großprojekts Stefan Weidners, 1001 Buch. Die Literaturen des Orients, im Herbstprogramm 2019 führten Autor und Verlegerin bis in die Villa Massimo nach Rom. Noch andere Bücher wurden zum Erfolg, allen voran Katerina Schinás Die Nadeln des Aufstands – Eine Kulturgeschichte des Strickens, ein gesellschaftspolitisch lehrreiches wie unterhaltsames Werk aus Griechenland.

Wie Monika Lustig bekennt sich auch Andreas Rötzer als leidenschaftlicher Leser von »Abgehangenem«: »um mit anderen Epistemen, Weltsichten, Philosophien, Anschauungen konfrontiert zu werden«. Waren sie bislang gegenseitige Leser ihrer Bücher, geht nun das eine ins andere auf.

Und es gibt einiges zu entdecken in der Edition Converso: 2021 pünktlich zum 100. Geburtstag des großen sizilianisch-europäischen Aufklärers Leonardo Sciascia war – mitten in der Pandemie – sein bislang unübersetztes, ihm »liebstes, da unvollendetes« Werk Morte dell’Inquisitore zusammen mit einem weiteren Essay zum Thema Folter und Inquisition, unter dem Titel Ein Sizilianer von festen Prinzipien erschienen; 2023 folgte die grundlegend neue Übersetzung von Sciascias unvergänglichem, immer neue Wahrheiten aufzeigendem Werk Die Affaire Moro. Ein Roman. Die Schule Sciascia, seine Epigonen, das sind quasi genetische Prädispositionen; auf ihn berufen sich sizilianische Autoren wie Maria Attanasio (Der kunstfertige Fälscher et al.), Santo Piazzese (Blaue Blumen zu Allerseelen et al.), Fabio Stassi (Die Seele aller Zufälle, et al.), alle bei Edition Converso zu finden.

Sciascia, maßgeblich für das Programm von Sellerio editore Palermo, hatte wiederum die mit Katherine Mansfield verglichene Romanautorin Maria Messina entdeckt, die heute mit drei ihrer schönsten Werke in der Friedenauer Presse zu finden ist.

Ein besonderes Verdienst von Andreas Rötzer in Sachen italienischer Klassiker ist außerdem Giacomo Leopardis Zibaldone dei pensieri, dessen erster von vier Bänden gerade erschienen ist. Mit Leonardo Sciascia in der Friedenauer Presse geht es bereits im Herbst 2026 mit einem gewichtigen »vergessenen« und brandaktuellen Werk weiter … Doch es gibt noch weit mehr zu entdecken: Pier Paolo Pasolini (von dem Sciascia in seinem ersten Kap. der Affaire Moro, das sinnigerweise mit der Entdeckung eines Glühwürmchens beginnt, sozusagen den Stab übernommen hat. Und anstelle des bereits 1975 Ermordeten den Tod des 1978 hingerichteten christdemokratischen Spitzenpolitikers, die Wahrheit ans Licht holt – so, wie es nurmehr in der Literatur möglich ist). Auch Pasolini ist mit zwei Titeln in der Edition Converso vertreten – die sich seiner Jugend widmen (»Italienische Kultur und europäische Kultur Weimar 1942« in: Eine Jugend im Faschismus) und seiner lebenslangen Jugendlichkeit (Der Torschützenkönig ist unter die Dichter gegangen. Fußball nach PPP).

Emmanuel Carrère, der sowohl Belinda Cannones Roman Entre les bruits (Vom Rauschen und Rumoren der Welt) in Frankreich vielfach gefördert, als auch für die deutsche Ausgabe von Les Vulnérables – dt. Auf einem dünnen Seil - einen schönen Blurb geliefert hat; er selbst wiederum dankt Belinda Cannone im Abspann seines Romans Alles ist wahr für allseitige Unterstützung.

»…Schmutz, den ich meine, ist der unvermeidliche Überschuss, der das Leben erst zum Leben macht und doch so gerne kontrolliert, eingedämmt und weggeputzt wird, durch Moral, Konventionen«). Und genau die schmutzige, contaminata, Literatur gilt es, so Fabio Stassi, der ausgezeichnete Edition Converso- Bestseller-Autor (Hermann-Kesten-Preis 2024), zu verteidigen und zu retten, dazu bekennt er sich an vielen Stellen seines Werks, ganz besonders in seinem Reisebericht/Essay Bebelplatz, der 2027 in der Friedenauer Presse, hrsg. u. übersetzt von Christiane Pöhlmann und Monika Lustig, erscheint.

Die Edition Converso an Bord der Friedenauer Presse – eine ganz und gar passende Ergänzung!

Was es mehr dazu zu sagen gibt, das werden unsere Bücher tun.

zurück