01.02.2018

»Diese Welt ist nicht für uns gemacht, sie ist für niemanden, für nichts gemacht«

»Diese Welt ist nicht für uns gemacht, sie ist für niemanden, für nichts gemacht«

Ein Gespräch mit Céline Minard über ihren neuen Roman »Das große Spiel«

 
In „das große Spiel“ begegnen sich Technik und Natur. Sehen Sie in der Natur eine Bedrohung? Brauchen wir die Technik, um uns vor der Natur zu schützen?
Die Natur stellt keine Bedrohung dar, sie ist uns gegenüber gleichgültig und sie ist voller Gewalt. Mir gefällt die Vorstellung, dass sie uns Menschen überlebt, trotz all unserer Technik, dass sie größer ist als wir. Und dass wir, wenn wir schlecht ausgerüstet sind oder uns bestimmte Fähigkeiten fehlen, nicht überleben können. Meine Ausrüstung ist nicht sehr aufwendig: Einige Karabiner, Seile, Haken. Es braucht auch nicht viel, um hohe Berge zu besteigen. Und das sollte vielleicht das Maß der Technik sein: so viel wie notwendig und so wenig wie möglich.
Die Tiere sind sehr präsent in „Das großes Spiel“, welche Rolle spielen sie?
 
In meinen Büchern versuche ich mich häufig einem Zustand der Wildheit, einem Naturzustand zu nähern. Tiere haben ein anderes Bewusstsein von der Welt als wir, sie treten mit ihrer Umwelt anders in Kontakt. Und dennoch haben wir etwas gemeinsam: Wir teilen mit den Tieren ein und dieselbe Welt. Diese andere Lebensform der Tiere ist für mich die Matrix, über die ich mich vom menschlichen Denken befreie. Der Schriftsteller kann außerirdische Charaktere erfinden, aber er möchte auch im Kopf eines Hirsches sein können. Diese Welt ist nicht für uns gemacht, sie ist für niemanden, für nichts gemacht, und jeder passt sich an.
Wie haben Sie für Ihr Buch recherchiert? Sie leben in Paris, haben Sie sich auch der Natur ausgesetzt?
Ich lebe in Paris, aber ich gehe häufig in die Berge und halte mich dort bei mäßigem Komfort monatelang auf: in Hütten, Zelten, Unterständen. Ich weiß, wie man seine Kleidung in einem Bach wäscht oder daraus trinkt, angelt oder wilden Spinat findet, ich schlage mich durch und ich liebe diese Art zu sein sehr.
Ihre Heldin bleibt bis zum Ende geheimnisvoll und flüchtig. Wer ist sie?
Ich würde sagen, sie ist eine Frau auf der Suche nach Weisheit. Sie ist in einen Ausnahmezustand geraten, aus dem sie sich befreien will. Sie tritt einen Schritt zurück, um dem ins Gesicht zu sehen, was Risiko oder Gefahr sein könnte, um den Unterschied zwischen Risiko und Gefahr herauszufinden. Sie wählte die Einsamkeit in den Bergen, um ohne Ablenkung Antworten auf die Fragen zu finden, die sie beschäftigen: Was ist ein gutes Leben, wie erreichen wir es, gibt es Regeln, die man befolgen sollte, welche sind es?
Welche Rolle spielt das Alter in der Geschichte? Mir scheint, die Protagonistin kämpft mit dem Älterwerden?
Tatsächlich? Vielleicht … Auf jeden Fall ist sie nicht mehr jung, sie hat eine gewisse Reife, eine sanfte Ungeduld dem Leben gegenüber, das vergeht, was auch immer man tut. Der Wunsch, seine Tage gut zu verbringen, die Stunden, wie sie eine nach der anderen vergehen, bewusst zu erleben, ist ein Wunsch, der mit dem Alter zu tun hat, mit dem Bewusstsein unserer Sterblichkeit.
Das große Spiel“ ist ein Buch über die Einsamkeit, was hat Sie bewegt, ein so komplexes Thema anzugehen?
Ausgangspunkt war Ludwig Wittgenstein und die Schilderung seines Lebens in der norwegischen Hütte. Diese Geschichte hat mich immer fasziniert, aber ich wollte keinen biografischen Roman schreiben, sondern entwarf von Wittgenstein ausgehend eine Figur, die unsere Welt intellektuell durchdrungen hat, die über das Leben Bescheid weiß und mit sich im Reinen ist, sich aber gleichzeitig sich ihrer Körperlichkeit bewusst ist. Diese Person sollte eine Frau sein. Marc Aurel spielt in diesem Roman aber ebenso eine Rolle wie idyllische Landschaftsdichtung, chinesische Klassiker und Berichte amerikanischer Bergsteiger der 70er.
Könnten Sie wie ihre Protagonistin als Einsiedlerin leben?
Eigentlich ist es ein alter Traum, der Wunsch nach Autarkie, Isolation. Ich denke, ich könnte als Einsiedler leben, und in gewisser Weise lebe ich so, wie ich heute lebe, ziemlich einsiedlerisch. In vielen Bereichen bin ich fern vom alltäglichen Leben um mich herum. Gleichzeitig weiß ich, dass wir niemals ganz alleine leben, wir sind Teil eines kollektiven Gedächtnisses, Teil eines sozialen Gefüges. Jeder besteht aus Erinnerungen, Geistern, Wünschen, die nicht allein die seinen sind, und auf die eine oder andere Weise ist man immer gezwungen, seine Einzigartigkeit mit seinen Mitmenschen zu teilen. Das kann eine Chance sein.
 
Welche Rolle spielt die Religion in Ihrem Buch?
Religion ist mir fremd, weniger vielleicht aber die Mystik, eine Form der Mystik aber die sich im Alltagsleben finden lässt. Wie man seine Zeit verbringt ist im Grunde vielmehr eine Frage der Ethik als des Sinns.
Jedes Ihrer Bücher ist unterschiedlich, angeblich versuchen Sie sich in jedem literarischen Genre. Sind das Stilübungen oder Ihre Art, den Kosmos der Literatur zu erforschen?
Ich habe nichts gegen Stilübungen, auch wenn sie in Frankreich nicht gut angesehen sind. Ich glaube, dass der Schriftsteller nur eine einzige Möglichkeit hat, sich individuell auszudrücken, und das ist der Stil. Den Ton zu verändern, die Sprachdichte, den Rhythmus der Sätze, ist für mich eine Notwendigkeit. Jedes Buch hat seinen eigenen Atem und seine eigene Geschwindigkeit und das sind die Vektoren oder Trägermedien der Suche. Ich lese über alles, ich habe ebenso Lust über alles zu schreiben, das ist eine Herausforderung, aber genau darauf bin ich neugierig.
Welches Genre diente als Vorlage für „Das große Spiel“?
Im Grunde waren es die kurzen philosophischen Notate von Marc Aurels „Selbstbetrachtungen“ und Wittgensteins „Philosophischen Bemerkungen“. Deren Art der Gedankennotierung ist sehr eng mit dem echten Leben verbunden, so sehr, dass sie bisweilen Überlebensratgeber erinnert.
Was ist das große Spiel?
Das Leben selbst! Wenn man es riskiert.
 
 
 

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