21.11.2017

Freiheit für den Künstler Pjotr Pawlenski

Freiheit für den Künstler Pjotr Pawlenski

von Yann Merlin

Paris, 13. November 2017

 

Pjotr Pawlenski wurde im Mai 2017 in Frankreich als politischer Flüchtling anerkannt, da er alle notwendigen Kriterien für diesen Status erfüllt.

Vermutlich konnte er nachweisen, dass er in seinem Herkunftsland – dem Russland des Wladimir Putin – Verfolgungen ausgesetzt war.

Pjotr Pawlenski ist ein Künstler, der nie etwas im Gefängnis zu suchen hatte.

Weder in Frankreich noch in Russland.

Man kommt um die Feststellung nicht umhin, dass die russische Zivilgesellschaft gegen seine Gefangenschaft demonstrierte, indem sie Sitzblockaden abhielt, und das wochenlang – während hier in Frankreich die öffentliche Meinung zu einem Schweigen erstarrt ist, das Fragen aufwirft.

Vielleicht warten wir auf die Erlaubnis der Medien, uns öffentlich zu empören?

In den letzten Jahren war es oft die Presse, die vorgab, wann, wo und wie sich der Einzelne zu empören hatte.

Somit begreift der Einzelne auch, wann er es besser bleiben lässt.

Die Presse entscheidet sogar, wie viel Zeit der Einzelne für seine Empörung aufzuwenden hat.

Sie gibt den Rhythmus vor.

Manche begnügen sich mit der Aussage, das Problem bestünde darin, »dass wir uns in einem irreversiblen Zustand des Niedergangs befinden.«

Als ob es ein Ende des Aufklärung gäbe!

Ich denke, ganz im Gegenteil, dass wir eine Beschleunigung der Zeit erleben, die uns einen Eil-Gang aufzwingt, der es uns unmöglich macht, die Geschehnisse mit Abstand zu betrachten.

Aber können wir auf den Glauben an die Humanität verzichten?

Das Dilemma zwischen Sein und Haben, Humanismus und Narzissmus wird immer bestehen.

Es ist nicht der Niedergang, sondern die Gangart, die uns Probleme bereitet.

Der durch Technologien »erweiterte« Mensch folgt dem Rhythmus einer durch die Presse – stets zu Diensten – »erweiterten« Wirklichkeit.

Doch wem dient die Presse?

Die Frage müsste eher die nach einem »was« sein, und die Antwort: sie dient dem neoliberalen Gedanken, der von uns verlangt, das Sein zu Gunsten des Haben aufzugeben.

Es ist alles derart organisiert, dass wir Jahr für Jahr schrittweise enteignet, eines uralten Erbes beraubt werden.

Pjotr Pawlenski ficht den zur Doktrin erhobenen Individualismus an, der das Wir verbietet.

Cornelius Castoriadis definiert die Grenzen des Individualismus indem er sagt, dass »es nicht um das geht, was ist, sondern darum, was sein sollte und könnte, wofür man ein Wir braucht.«

Die Besitzer aller materiellen und immateriellen Reichtümer erhalten mithilfe der Politik Utopien aufrecht, die nicht funktionieren.

Hierzulande und anderswo gab es in den letzten Jahrzehnten wechselnde Regierungen, doch die Organisation der Gesellschaft ist gleich geblieben, was die Demokratie infrage stellt.

Der politische Entwurf sieht vor, Konsumenten und Sicherheit zu schaffen.

Diese Sicherheit steht im Dienst einer neuen Norm, der sich jeder Einzelne verschreiben muss. Diese Norm wirkt in einem Diktum, das uns von unserem Wunsch nach Bürgerschaft abbringen soll, denn der Konsument ist einer, der sich nicht mehr mit Politik auseinandersetzt. Der Konsument ist einer, der am Spielfeldrand bleibt und das Bild eines Menschen abgeben muss, der so viel Eigentum wie möglich anhäuft.

Der Konsument ist ein Unter-Bürger.

Pjotr Pawlenski definiert seine Kunst als POLITISCHE KUNST.

Er ist KÜNSTLER.

Er ist Künstler, der aber das Feld der Politik betritt, da er eine Existenz als Künstler-Bürger anstrebt.

Mit seinem Mut zeigt er einen Weg der Emanzipation durch das Handeln auf, indem er das symbolische Feld der Gesellschaften betritt.

Mit seiner Performance Éclairage beweist er, dass er zudem imstande ist, dass symbolische Feld der Realität, in der er lebt, zu betreten, auch wenn es sich woanders befindet.

Das ist wichtig, aber es ist nicht das, was von einem Künstler im Exil erwartet wird.

Ganz im Gegenteil, denn was man von ihm erwartet, sind weitere Angriffe auf das System, aus dem er kommt, und zugleich die Preisung des Systems, dass ihn »adoptiert« hat.

In diesem Sinne begeht Pjotr Pawlenski einen Regelverstoß, er bewegt sich außerhalb der Norm.

Ganz konkret geht es bei dieser vorübergehenden Inhaftierung in der Männerhaftanstalt Fleury-Mérogis jedoch um die Infragestellung seines Status als politischer Flüchtling.

Abgesehen von den ironischen Kommentaren Wladmir Putins zu dem Fakt, dass Frankreich der ganzen kleinen Familie Pawlenski politisches Asyl gewährt, greifen tatsächlich einige Stimmen in Frankreich die sonderbare Idee auf, dass zu überdenken sei, was rechtmäßig entschieden wurde – unter dem Vorwand, dass Pjotr Pawlenski ein Verbrechen begangen hätte.

Das ist nichts, worauf wir stolz sein könnten.

Diese neue Performance, Éclairage, über die in der Presse nicht im Kulturteil, sondern bei den Justizmeldungen berichtet wird, befragt uns zu unserer Gegenwart, und zufälligerweise ist die Gegenwart auch genau das Thema der »Paradise Papers«.

Eine erweiterte Realität.

Ironischerweise war es just an dem Tag, an dem dieser Fall im Zusammenhang mit dem weltweiten Finanzwesen wieder auftauchte, dass Richter über die vorübergehende Festnahme eines Künstlers entscheiden mussten, der diese Realität anprangert.

Éclairage von Pjotr Pawlenski prangert an, dass sich die Politik dem Finanzwesen unterordnet.

Es sind nicht diese wunderbaren Paradiese und ihre Business Angels, die sich Sorgen machen.

Die öffentliche Meinung heuchelt Empörung über einen Zustand, der ihr seit langer Zeit bekannt ist.

Tatsächlich wissen wir in unserem Innern sehr wohl, dass nichts getan wird, damit sich etwas ändert.

Es herrschen also Müdigkeit und Frust vor, und wir sind immer mehr in der Lage zu verstehen, dass Pjotr Pawlenski Recht hat, wenn er von einer Konterrevolution spricht.

Da ist also Pjotr Pawlenski, der Künster, der Vater zweier kleiner Töchter, die darauf warten, dass ihre Eltern aus der Gefangenschaft nach Hause kommen – denn seine Lebensgefährtin wurde am selben Tag inhaftiert.

Da ist auch die Abwesenheit von Klagen aufseiten des Opfers: der Banque de France.

Die Inhaftierung in der Isolierstation des Gefängnisses Fleury-Mérogis ist unverhältnismäßig.

Die Performance ist ein einfacher Vorgang: Das Bild einer Aktion wird zum Werk. Eine Fotografie. Diese Fotografie hat einen Titel, Éclairage, und einen Begleittext, der sich an die Bürger der ganzen Welt richtet, sich orientierend an den ehemaligen Mitgliedern des CNR (Conseil National de la Résistance – »Nationaler Widerstandsrat«), die im Jahr 2004 mit folgendem Slogan erneut zum Widerstand aufriefen: »Widerstand ist Schaffen, Schaffen ist Widerstand.«

Wenn wir jemandem politisches Asyl gewähren, müssen wir ihn schützen und ihm eine Existenz ermöglichen.

Die Performance ist Pjotr Pawlenskis Existenzgrundlage.

Er hat staatliche Finanzhilfen, die Geflüchteten zustehen, verweigert. Auch das ist ein starker politischer Akt, der sich in einen größeren Zusammenhang einfügt.

Pjotr Pawlenski ist kein Opfer, und in der Aktion selbst liegt keine Gewalt.

Die Gewalt liegt in dem Symbol, in der Bedeutung seines Werks, und diese Gewalt wird nur unter der Bedingung ausgeübt, dass sie angestrebt wird, und ansonsten schafft sie, entgegen der allgemeinen Annahme, Zusammenhalt.

Auch in dem, was es physisch freilegt, liegt Gewalt, weil seine Morphologie insofern ein Störfaktor ist, dass sie uns die Bilder der Überlebenden von Konzentrationslagern oder Gulags erneut vor Augen führt.

In der Tat stört Pawlenski Herrn Putin, weil er ein Störfaktor in der Oligarchie ist, der er nichts zu verkaufen hat, er stört den FSB, er stört die Bourgeoisie in Ost- und Westeuropa, der er Angst macht. Er stört die Sphäre der Künstler mit der richtigen »Gesinnung«, die mit dem globalen Finanzwesen unter einer Decke stecken.

Pawlenski ist kein Opfer, sondern ein Sündenbock, der samt seiner Familie in die Wüste geschickt werden soll.

Pjotr Pawlenski und seine Lebensgefährtin gehören zu der wachsenden Horde von Unerwünschten hier und anderswo, in der sich »sozial Schwache«, Roma, politische Flüchtlinge aus Afrika, Asien und Amerika, Intellektuelle, Unabhängige und Rentner versammeln, kurz, die Gruppe der prekarisierten Außenseiter.

Auch das Schweigen der französischen Kulturministerin ist traurige Realität.

Dieses Schweigen wiegt schwer, und es ist schmerzlich, sich daran zu erinnern, dass wir eine Zeit hinter uns gelassen haben, in der die beiden wichtigsten Köpfe der Regierung Kultur und Diplomatie verkörperten, und uns nun in einer Epoche befinden, wo der Innenminister fast allein eine Regierung darstellt.

Es scheint, als wären wir von einer Bewegung der Öffnung zu ihrem Gegenteil übergegangen, was allen unerträglich sein muss, die an unserer Devise festhalten:

»Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.«

Und es ist ein Flüchtling, der sie uns in Erinnerung ruft.

 

 

Aus dem Französischen Milena Adam