31.10.2011

Gerrit Confurius über den Homo Oeconomicus

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Hans Magnus Enzensberger äußert im Spiegel vom 4. November 2011 Zweifel am Ideal des homo oeconomicus, mit dem wir so tun, als sei das, was allen sozialen Rollen gemeinsam ist, der Antrieb, den eigenen ökonomischen Vorteil zu maximieren – wo doch schon im 18. Jahrhundert vom allgemeinen Nutzen der privaten Laster die Rede sei. Er zählt einige Fälle von Leuten auf, die, gemessen an jenem Ideal, nicht-nachvollziehbare, ja abartige Verhaltensweisen an den Tag legten. Hierzu zählt, wer sich Vorteile entgehen lässt, aus eigener Tasche zahlt oder vergisst, für seine Leistungen Rechnungen zu schreiben. Jeder, der einmal in sich ginge, würde „bald genug entdecken, dass es mit seiner ökonomischen Vernunft nicht weiter her ist, als bei den Verrückten, über die er sich jedes Mal von neuem wundert.“ Es sei nicht zu erwarten, weder zu hoffen noch zu befürchten, dass es gelingen könnte, solche Erkenntnisse kohärent zu verallgemeinern. Nun sei aber daran erinnert, dass kein Geringerer als Sigmund Freud einen Ansatz zu einer solchen Theorie wagte. Inspiriert von der Lektüre von Balzacs „Chagrinleder“, jenes Romans über die tödlichen Wünsche, erfand er den Todestrieb. Das Gegenteil der Maximen des homo oeconomicus ist nämlich nicht Altruismus und soziales Verhalten, sondern die fatale Neigung, sich selbst zu schaden.

Zur Erinnerung: Freud gewann seine Theorie über eine sonderbare Arbeitsweise der Seele aus einer Theorie über das Verhältnis des Lesers zum Text. Die Eselshaut, um die es in Balzacs Roman geht, ist auch ein Schriftstück. Balzac kennzeichnet das Verhältnis Raphaels zum Tode mithilfe des Chagrinleders als ein Verhältnis zu einem Text. Lesen hilft also, den Tod aufzuschieben. Der Preis für diesen Aufschub ist allerdings, da? die textuelle Annäherung an den Tod an einem gewissen Punkt die Lesefähigkeit beeinträchtigen und in eine vom Tode affizierte Lektüre einmünden muss. Der konstative und der performative Charakter des auf ihm befindlichen Textes koinzidieren. Die auf dem Leder versammelten Buchstaben tun genau das, was sie besagen. Mit jeder Artikulation eines Wunsches, den sie gewähren, werden sie selber kleiner und streben der Unlesbarkeit zu. Dieses Leder wird stets kleiner, wenn ich einen Wunsch ausspreche, sagt der Held Raphael. Die Eselshaut ermöglicht und nennt denjenigen Widerspruch zum Lustprinzip, der die Lust allererst zur Sprache bringt, um sie schließlich in tödlicher Weise zu erfüllen. Die von Roland Barthes sogenannte „Lust am Text“ kann letzten Endes nicht verdecken, dass es sich für den Protagonisten Balzacs bei dieser Lektüre zugleich um eine Krankheit zum Tode handelt. Die Leselust, die Lust, die die Lektüre der Eselshaut bereitet, wird durch fortschreitenden Realitätsverlust und schließlich durch den Tod erkauft. Sigmund Freud erschien die Eselshaut als ironische Antiphrasierung des Wunsches als Chiffre für etwas in uns, das uns wider alle Vernunft und besseres Wissen zuweilen in einer Weise handeln lässt, in der wir uns selber schaden, und nannte dies den Todestrieb.