20.08.2019

Gute Unterhaltung, Herr Adorno!

Gute Unterhaltung, Herr Adorno!

von Franz Josef Czernin

 

Gute Unterhaltung, Herr Adorno!

 

Ja, was haben Sie denn gegen Unterhaltung, gegen das Entertainment, das sogenannte? – Zum Beispiel gegen viele Popmusik?

Mein Song dazu beginnt so: Bin nicht bei den Amish/ noch bei der IS,/ bin kein Karthäuser,/ auch kein Trappist,/ ich lass mich gerne gehn,/ ja auch gern zerstreun/ und muss es nicht bereun, usw....

Ich habe also gar nichts dagegen, sondern fühle mich sogar recht gut dabei, das Monster Zeit, die devouring time (Shakespeare), zu sedieren, womöglich auch totzuschlagen.

Ich gebs ja zu: Zur ganzen Wirklichkeit, zu ihrer Erfahrung oder gar zu ihrer Erkenntnis bin ich meistens außerstande.

Ich will nur aus der Not meiner Unterhaltungs-, meiner Zerstreuungsbedürfnisse keine ästhetische Tugend machen; ich will mir nicht weismachen lassen, dass das, was meine Selbst- und Wirklichkeitsamnesie befördert, einfach nur anders ist und genausoviel wert wie...? – Jetzt wirds aber schwierig: Soll ich, um bei der Musik zu bleiben, etwa von Ligetis, Lachenmanns, Gubaidulinas und Furrers Werken behaupten, sie seien wirklichkeits- und erkenntnisreicher und wahrhafter und eben deshalb so viel schöner als...? Soll ich gar von Hochkultur im Gegensatz zu...sprechen?

Du armer spät- oder postbürgerlicher Adorno!, rufe ich mir zu. Gibs auf, machs dir bequem, zieh dir doch einfach irgendwas rein und lass Wirklichkeit und Erkenntnis, Erkenntnis und Wirklichkeit einen guten Mann sein.

 


Franz Josef Czernin, 1952 in Wien geboren, studierte von 1971 bis 1973 in den USA. Seit 1978 hat er zahlreiche Gedichte, Prosa, Theaterstücke, Essays und Aphorismen veröffentlicht. Dafür wurde er u. a. 2013 mit dem H. C. Artmann-Preis der Stadt Wien und 2015 mit dem Ernst-Jandl-Preis ausgezeichnet. Er lebt in Wien und in der Steiermark.