11.06.2019

Ist Kunst politisch?

Ist Kunst politisch?

von Franz Josef Czernin

 

Ist Kunst politisch?

Es ist eine Art Gretchenfrage, die gar nicht mehr ausdrücklich gestellt werden muss. Denn sie wird in den Medien, von sogenannten Kunstschaffenden wie auch jenen, die Kunst vermitteln, wie selbstverständlich mit Ja beantwortet: Ja, Kunst ist politisch. Und wehe, man behauptete das Gegenteil. Dabei wäre die gegenteilige Antwort ebenso gut oder schlecht, da doch die in die Frage involvierten Begriffe und Annahmen ganz ungeklärt angewendet werden.

Was könnte also damit gemeint sein, wenn Kunst als politisch behauptet wird? Zumeist wohl, dass sie gesellschaftlichen Einfluss hat und dabei auch in irgendeiner Weise zu Aufklärung und Humanität beiträgt.

Doch einmal abgesehen davon, dass auch der Begriff der Gesellschaft und mit ihm der politischer Beeinflussung notorisch diffus und zudem ontologisch höchst fragwürdig sind: Auch wenn man eine bestimmte Theorie von Gesellschaft und des politischen Einflusses voraussetzte, wäre ihre empirische Bestätigung praktisch ausgeschlossen. Denn dann müsste man eine hinreichend große Anzahl von Parallelgesellschaften unter der Bedingung des Gegebenseins bestimmter Kunstwerke untersuchen können. Dergleichen ist offenkundig nicht zu haben.

Hinter der Behauptung, dass Kunst politisch sei, ist aber, so vermute ich, oft noch eine weitere Annahme verborgen: Dass das Politische überhaupt (und deshalb auch in den Künsten) das Fundamentale ist. Und diese Annahme verbindet sich wie selbstverständlich mit einer weiteren: Da die politische Realität fundamental ist, ist ihre Darstellung, wenn sie überhaupt wahr ist, gleichsam eine Wahrheit aller Wahrheiten. Und jetzt ist es nur mehr ein Schritt zur nächsten, zumeist aber unbewussten Annahme: Die wahre Darstellung politischer Realität und diese selbst seien eigentlich ein und dasselbe. Das nun ist entweder populäre Täuschung – auf der mediale Kommunikation zu gesellschaftlichen Fragen oft beruht –  oder aber Teil eines utopischen Kunstbegriffs, der die Kunst selbst als die fundamentale Wirklichkeit versteht: Märchenhafter Weise glaubt man, die Darstellung einer Wirklichkeit bringe diese erst hervor oder sei ohnehin diese selbst.

 


Franz Josef Czernin, 1952 in Wien geboren, studierte von 1971 bis 1973 in den USA. Seit 1978 hat er zahlreiche Gedichte, Prosa, Theaterstücke, Essays und Aphorismen veröffentlicht. Dafür wurde er u. a. 2013 mit dem H. C. Artmann-Preis der Stadt Wien und 2015 mit dem Ernst-Jandl-Preis ausgezeichnet. Er lebt in Wien und in der Steiermark.

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