22.09.2025

Laudatio für Ivna Žic anlässlich der Verleihung des Förderpreises des Kanton Zürich am 27. Juni 2024

Laudatio für Ivna Žic anlässlich der Verleihung des Förderpreises des Kanton Zürich am 27. Juni 2024

von Miriam Rainer

Wir sitzen am Hudson, auf der langgezogenen Terrasse des alten Fährhauses, Summinski Innski, sehen stündlich wie zwischen Haus und Fluß der Zug nach New York City rumpelt, Schienen begleiten das Flussbett, und auch der Zugverkehr fließt, reißt gerade wieder ab, legt einen Schnitt durch unser Schauen, rhythmisiert das Gespräch, Stocken, die Hand zieht den Stift, und Punkt. Die Korrektur an Die Nachkommende kommt an eines ihrer Enden. 1 Mit einem Satz, dem ersten dieses Debütbands von Ivna Žic, schwingen sich die lesenden Augen auf einen Zug auf, gesellen sich für eine “unaufhörliche” Fahrt zur Ich-Erzählerin in ein Abteil, in dem “die Decke zu niedrig”, die Luft “zu heiß” ist. Was wie erste Worte auf einer ersten Seite scheint, ist die Äußerung eines Ichs, die vor diesen Worten ihren Anfang nahm, und in deren Vollzug wir unvermittelt als blinde Passagiere hineingezogen werden. “Sie schnarcht.” Dieser nicht-erste, erste Satz wie ein Trittbrett, eine ausgestreckte Hand, und schwups, verlassen wir, was hier vom Zugfenster aus wie veraltete Denkgebäude in der Landschaft steht. 2 Es “stapelt”, “verbiegt”, es “krümmt” sich der fahrende Körper, in dem sich wiederum “irgendwo” diese dauernden Fahrten zu “Stapeln” zusammenstauchen, “die sich nicht mehr abtragen lassen werden.” In dieser Beschreibung krummer Umstände höre ich ein Echo von Immanuel Kants Satz – “Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden” –, wohingegen Ivna Žic Kant zurückruft zum Krummen vor jedem Geraden, zum Stapel vor jedem Stab, und sich verwehrt gegen den zweiten Teil des Satzes, nämlich Körper und mit ihm Sprache begradigen zu wollen, mit anderen Worten: zu richten. 3 Zurecht zimmert Žic gerade nicht; sie sucht in Zimmern, in der Zeit, unter Toten, neue Sprachen und Strukturen, eine Beziehungsweise für eine “weichere, durchlässigere” Gegenwart. Sie weiß, mit denen, die sich stapeln, die ihrem Ich ständig im Weg liegen, “neben einer Tür”, “neben dem Ausgang”, ist keine Ordnung zu schaffen, nix Stabiles, allenfalls so etwas wie ein Abteil, ein mobiles Zimmer, auf Zeit, das ist auch gut so, und schon merke ich, wie diese Literatur die stabilisierenden Mechanismen einer gewissen mitteleuropäisch-bürgerlichen Ordnung – insbesondere heteronormatives Begehren, das Bestreben nach Kleinfamilie und Privatbesitz, Nationalsprache – sabotiert. Der Schritt aus dem Haus, das Pfeifen auf Ordnungsstrukturen, die sprichwörtlich “herrschen”, deckt das Provisorische jeder Anordnung auf, die immer auch anders arrangiert sein könnte; anagrammatisiert, was sich als unnachgiebige Satzstellung und Grenzregime gibt. 4 Der Versuch mit denen, die ihr nahe- und neben-, die im Weg liegen, gemeinsame Sache zu machen – “ich könnte sie leise fragen oder vorsichtig ihre Füße beiseiteschieben oder beides” – wird zum Selbstzuspruch einer Schreibbewegung, die hegemoniale Verflechtungen innerhalb von Sprachenverhältnissen nicht ausräumt, sondern einräumt, Beziehung als Bewegung versteht, um eine gemeinsame “Gegenwart zu legen”, und zwar eine illegitime, vergemeinschaftete Gegenwart, in der Anwesende und Abwesend Anwesende simultan existieren können. Dieser Gegenwart öffnet sich die weiße Seite als von Herrschaftsverhältnissen gezeichnetes Zimmer, in das hinein Žic geheime Fenster, Türen, Ein- und Ausgänge imaginiert, um auch für diejenigen, die sich nicht ausbuchstabieren wollen, Sorge zu tragen. 5 Aus diesem Grund widmet sich das erwachsene Ich gleich am Anfang des zweiten Prosabands Wahrscheinliche Herkünfte aufmerksam dem kindlichen mit Bleistift gezogenen Schriftzug, der bei näherer Betrachtung gar nicht auf der Seite steht, sondern, so Žic, “Richtung” hat. Die kindlichen Schreibexperimente verunsichern und derangieren eine gewisse schweizerische Monosprache, die sich – vor aller Augen – als herrschende Ordnung inszeniert. Ihr widersetzen sich vielsprachige Wörter mit bewegten Buchstapeln. Sie weisen auf expansive sprachliche Verhältnisse hin, vor deren Zurichtung. Ihr verspielter Wink gilt der Gleichzeitigkeit Zagreber, Zürcher, englischer, arabischer Sprachen vor ihrer historischen Ungleichheit. 6 Simultansprachigkeit ist auch eine Konsequenz der Aushandlung mit familiärem Schweigen, das persongeworden dasteht “in einer Landschaft, in der nichts unverändert geblieben” “als die Wolken, und in der Mitte, in einem Kraftfeld” zerstörender, auch normalisierter Frontbildung: die verschiedentlich versehrten Angehörigen. 7 Edward Said beschreibt in “From Silence to Sound and Back Again” wie die kolonial-westliche Geschichtsschreibung multiple sprachliche Geschehen in ein nationales, solitäres Narrativ presst, das resiliente und mit dem dominanten Narrativ unvereinbare Geschichten zu einer unwiederbringlichen Distanz verhärtet, wodurch sich diese uns Nachkommenden nur noch als fernes Schweigen mitteilen können. Die Figuren bei Ivna Žic finden sich in diesem solitären Narrativ nicht wieder und schweigen eigenwillig. Ihres ist ein multiples, konfliktreiches Schweigen; es verhärtet sich nicht. Spricht Said davon, dass ihm das ferne Schweigen immer noch lieber sei, als die Aneignung der Rede von liberation seitens Machthabender, wie es der dominante Ton seiner Zeit gewesen sei, so könnte man diesen Satz weiterübersetzen: Schweigen ist der dominante Ton unserer Zeit. Gemeint wäre damit das privilegierte, bleierne Schweigen, das zu oft synonym ist mit Verschweigen, synonym mit Totschweigen. 8 Ich befinde mich noch immer in Begleitung der kleinen zugreisenden Gesellschaft, vor deren Fenster der Schriftzug einer Ortstafel aufscheint, den das Ich augenblicklich als “Blei” verliest. In einer Zeit, in der die Kriege andauern, macht Ivna Žic von Blei einen unerhörten, gewaltlosen Gebrauch; sie insistiert auf den nachgiebigen Charakter des Materials, welches ihr erlaubt, dass abwesend-anwesende Personen entlang der Spur ihres Bleistifts gewisse Todesfelder verlassen; sie schreibt Figuren, die aus einem Blei sind, das sich gerade nicht – zu Freund-Feind-Schemata, geschweige denn zu Fronten – verhärtet. Auf diese aufweichende Weise wird in diesen Büchern Schweigen synonym mit Nähe synonym mit Nachgiebigkeit synonym mit vergemeinschafteter Gegenwart. 9 Ich danke Ivna Žic dafür, dass sie sich mit der Gegenwart, so solitär wie sie ist, nicht arrangiert. Ich danke ihr für ihre Beziehungsweise. Es sei ihr von Herzen gratuliert zum Förderpreis des Kanton Zürich und insbesondere auch zu ihrem bemerkenswerten Mut, mit der Literatur gemeinsame Sache zu machen, um jene, aus denen Sprachlose und Felsenfeste gezimmert wurden, aus der Klemme herauszuschreiben.

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is he not here Ben said you can do

anything in a poem

so I stepped right out of it into

this one to be entered is

to be redefined the bullet achieves its name

by pushing flesh into flesh I was struck

by these words we say I was caught by

this passage it moved right through opened

me up these eyes reading not

yet healed shut but full of lead

Ocean Vuong

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