19.05.2026

Universeller Verknirpsung entragend: Ein kühner Verleger und sein allzu flapsiger Beiträger

Symptomatische Memogramme

von Ulrich Holbein

 

Anfangs begeisterte ich mich als Leser für Hemingway, weil ich noch nicht wusste, dass man eigentlich mehr zu Geistern neigt, die einem ähneln, also doch lieber zu Novalis, Rilke und Wense. Später wurde ich als Autor ediert von Verlegergestalten, die auch nicht zu mir passten – nein: die durchaus einigermaßen mit mir kompatibel erschienen, zeitweise, wie Gerd Haffmans, Vito von Eichborn, Egon Ammann –, und anfangs traf ich eher Verleger wie beide Unselds und Axel Matthes, und das kam so:

Prof. Dr. Werner Ross, München, fand meinen Aufsatz über den Zeitgeist »Der Glimmstengel des Nichtrauchers« »recht intelligent«, und so wagte ich ihn zu fragen, 1986, ob er mir für mein Schubladenmanuskript »Homunculus. Die Geschichte des künstlichen Menschen in der Kunstgeschichte« einen Verlag empfehlen könne. Er nannte mir auf einer Postkarte zwei Einmannverleger: Christoph Burgauner und Axel Matthes, beide München, beide fünfzig Jahre alt, beide geboren im Mai 1936, also sechs Jahre jünger als Helmut Kohl und zum Beispiel meine Mutter. Ich, ein angejahrter Kunststudent, schrieb beide Verleger an, die beim Nachhaken sogar antworteten, und besuchte bald darauf in München beide. Burgauner, Kastell Verlag, wohnte in der Giselastraße, im Haus, in dem Thomas Mann ein Faustuskapitel schrieb, Matthes unweit vom Gasteig entfernt, beide sehr eloquent, extrem belesen und maskulin. Herr Matthes, eine markante Physiognomie auf drahtiger Gestalt, sah gar nicht aus wie ein Geschäftsmann, eher wie ein knochig asketischer Denker, und als solcher betätigte er sich auch sofort im Dia- oder Monolog. Er verlegte Georges Bataille, Jean Baudrillard, Antonin Artaud und hätte gern E. M. Cioran verlegt, den er Suhrkamp nicht entwenden konnte. Burgauner verlegte das Zeitungsjahrbuch, verstreute Schriften von Prof. Dr. Werner Ross, ein Tangobuch, sowie Druckkostenzuschusslyrik und eigene Opera unterm Pseudonym Johann Prossliner.

Matthes las in mich hinein, zögerte und schwankte wohl etwas, wie er mich als Autor finden wolle. Bei ihm im Büro hielt er meinen Zeitgeistessay in der einen Hand, rollte ihn im Zellophan, und schmiss ihn plötzlich pointiert auf die Erde, wo das flache Objekt 20 Minuten liegenblieb und ich es am Schluss aufheben durfte, vor dem Verleger also sekundenlang auf Fußhöhe zu kriechen hatte.

Immerhin: Wir beide kannten und schätzten, als Liebhaber klassischer Musik, nicht nur Beethovens späte Streichquartette, sondern sogar Carlo Gesualdo, Fürst von Venosa – den kennt ja nun wirklich nicht jeder. So oder so: Matthes bereitete eine Monografie über diesen fast bereits atonalen Madrigalkomponisten Gesualdo vor, 400 Seiten, 78 DM, aus dem Amerikanischen, Nachwort von Igor Strawinsky, und meinte, ich könne dazu einen Gastbeitrag verfassen. Überhaupt: Dass ich einen Essay zum Thema Musik und Lärm schreiben wolle, verbarg ich ihm nicht. Das fand er gut; ja, er meinte, das könne ruhig ein ganzes Buch werden. Da konnte ich ja mal drüber nachdenken.

Sodann – er rühmte über die Maßen Botho Strauß – konnte ich da einstimmen?

Meinen Stil wiederum bezeichnete er allerdings sofort als »flapsig«; ich aber wurde nicht recht warm und froh bei seinen Favouriten, die zwar ein Riesenansehen genossen, mir jedoch bei Stichproben etwas gestelzt vorkamen, arg pathetisch, falls nicht gar lendenlahm professoral, halt unbizarr und ungenial. Immerhin: Beide lasen wir gern Theodor Lessing – welch unverhoffte Überlappung, welch wunderbare Gemeinsamkeit! Das grenzte ja schier, hoffte ich, an Dioskurentum – roch das nach dem Anfang einer wunderbaren Freundschaft?

Von Cioran kaufte und las ich alles, blieb aber recht kritisch.

Matthes plante eine Zeitschrift, des Titels: »Der Pfahl. Jahrbuch aus dem Niemandsland zwischen Kunst und Wissenschaft«, ca. 290 Seiten, 25 DM. Das würde zur Buchmesse 1987 erscheinen. Es handelte sich, laut Vorschau für Buchhändler, um »keinen bloßen Verlagsalmanach, keine gelehrten oder doktrinären Verallgemeinerungen, eher eine Ideensauna – ein Periodikum für die, denen interne Bewegungen noch etwas sagen«. Ideensauna – wunderbar. Gehörte ich zu denen, denen interne Bewegungen noch etwas sagten? Was konnte gemeint sein mit »internen Bewegungen«? Das blieb etwas unpräzise oder diffus. Auch hieß es, ganz anders als in üblichen Verlagsvorschauen: »Man hat keine Kategorien (außer im normal oberflächlichen Quatsch der Feuilletons) für das, was heute ›abläuft‹. (Siehe die strahlende Wolke ›Postmoderne‹, auch die Sottise ›Neofaschismus‹ gegen Dissidenten.)« Hm, diesen Sachtext hatte sichtlich ein Selbstdenker abgefasst. Vermutlich rechnete er auch meine Wenigkeit pauschal zum oberflächlichen Quatsch der Feuilletons!? Nichtsdestotrotz, er stellte mir in Aussicht, dass er in Der Pfahl meinen Zeitgeistessay abdrucken könne oder wolle. Ich sperrte mich nicht. Ich versprach, den Text noch zu überarbeiten. Er wollte, dass ich nicht Ausdrücke wie »in puncto« verwende, und verlangte, dass ich das Wort »welchselbiger« auswechsele. Ich sperrte mich nicht.

In der Buchhandlung Lehmkuhl, später, schlug ich Italo Calvinos Cosmicomics auf, fühlte in mir etwas aufblühen, doch als ich Botho Strauß’ Beginnlosigkeit anblätterte, spürte ich mein Gesicht sich ungut verzerren und meine Figur zurückprallen. Vermutlich litt ich instinktiv an derselben Nichtaffinität, die spiegelbildlich Herr Matthes instinktiv verspürte, wenn er in sowas wie mich hineinlas. Wie kann man, bei solcherart auseinanderdriftenden Lektürevorlieben, dennoch sich verständigen?

Meinem Buchhändler Fischlein in Kassel deutete ich an, dass bei mir etwas sich anbahne bei Matthes & Seitz. Da verging Herr Fischlein förmlich vor Ehrfurcht – Hut ab! Der Name »Matthes & Seitz« stand also in hohem Kurs. Ich konnte froh sein, alldort auftauchen zu dürfen. Ich las im F.A.Z. Magazin das Interview: »Warum ist der Blätterwald voller Musik, Herr Matthes?« Dort sprach er nicht so verquast und hochmögend gedrechselt wie in der Vorschau, sondern ganz natürlich fließend: »Ich finde es arg komisch, als Kleinverleger bezeichnet zu werden. Gut, es gibt Großbäckereien. Aber wenn man weder Fliesenleger ist, noch Formulare druckt, sondern Literatur verlegt, geht ein Quantifizieren ins Leere. ›Publikumsverlag‹ ist auch so ein stupides Wort. Als Peter Suhrkamp seinen Verlag machte, wäre er aus der Sicht solcher heutiger Klassifikation ein Kleinverlag gewesen. Ein Buch regt etwas in mir auf oder nicht, das ist alles.« Vermutlich handelte es sich um einen Tonbandmitschnitt. Ah, endlich mal ein elitärer Formulierer, der kein Blatt vor den Mund nahm. Hier klang er schier feuilletonistisch, also bestens holbeinkompatibel. Ich schätzte mich nun sogar glücklich, endlich einen hochintelligenten und eloquenten Verleger gefunden zu haben. Es galt, ihn mir warmzuhalten, ihn an mich zu gewöhnen, mich an ihn zu adaptieren. Er focht sogar gegen die von ihm sogenannte »universelle Verknirpsung«. Sowas betrieb ja wohl auch ich, weshalb mir x Nobodys, höchstenfalls Minimalknirpse, supergern Hybris verübeln, Größenwahn und Narzissmus.

Ich kniete mich dann rein in Gesualdo, versank angelegentlich in allen Madrigalen, rang mir Text ab, quälte mich vier Wochen lang damit herum, sandte ihm das Abgemolkene. Da schrieb er zurück, am 7. Mai 1987: »Lieber Herr Holbaum, Ihr Gesualdo-Essay ist sehr packend, einzig mit Ihrem Frozzelton habe ich ein bisschen Schwierigkeiten, als Antidot lege ich hier eine Neuerscheinung hinzu, den WENSE. Da von Vertretern umzingelt, breche ich ab. Gruß. AM«.

Damals hieß ich noch Holbaum, und als ich später Holbein hieß, erzählte Matthes, kraft Wissensvorsprungs, überall die Insiderinfo herum, dass ich in Wirklichkeit Holbaum heiße.

Das Buch hieß »Epidot«, von Jürgen von der Wense – nie gehört. Im Beiblatt stand zu lesen, als Locktext: »Wer Cioran, Hohl, Ceronetti, Pessoa, Caraco für sich entdeckte, darf auch Wense nicht links liegen lassen.« Hohl!?! Auf den sprang ich natürlich auch nicht an. Ich kniete mich also nun rein in diesen Wense. Herr Wense vermeldete: »Ich bin aus dem Dunkel gekommen, ich gehe wieder hinüber ins Dunkel, ich lebe für diesen einen Tag und bin doch ein Ahn und ein Erbe aller Geschöpfe.« Hm – das gab zu denken. Dass da ein Ahn und Erbe ins Dunkel ging (was für ein preziöses Dunkel überhaupt? wie unpräzise und diffus) – riss solcherlei Verlautbarung meinen superiösen Geist vom Hocker? Diese auffallend tiefsinnigen Notate, schwerblütig, unspritzig, hochbemüht und irgendwo egal, allerlei Pauschalaussagen, in die ich tief hineinlas, ließen mich trotzdem nicht recht aufhorchen, kein Vergleich mit meinerseitigen Hausgöttern wie Lichtenberg, Mark Twain, Oscar Wilde.

Axel Matthes schrieb mir dann längere Briefe, fast so lange wie ich ihm, auf mechanischer Schreibmaschine, blasse Schrift, sehr ausgelutschtes Farbband. Er sandte mir als Beilage einen Text, den er gut fand, von Pierre Klossowski. Wie schön, dass ein Ansprechpartner im Verlagswesen nicht um Textkürzungen, Tantiemen, Auflagen, Mischkalkulationen kreiste, sondern um Buchinhalte und philosophische Theorien. Klossowski räsonierte über die von ihm sogenannten »Zeichen der Zeit«. Wollte der Klossowskiverleger mir vorführen, wie ein Text idealerweise zu klingen habe, um bei Matthes & Seitz zu erscheinen? Klossowksi fing beim zweiten Satz sofort an, sich zu wiederholen, o je, wie unelegant. Klossowski vermochte in meinem Hirn nichts aufzuregen, keinen Großbrand zu entzünden. Klossowski klang halt recht sekundär, anderseits arg sehr nach Nietzsche. Solch Milchkaffee, flapsiger gesagt: Muckefuck, wurde gegen meine Originalität ins Feld geführt. Doch um nicht meinem neuen Verleger, der immerhin brieflich über Nordlichter philosophierte, auf den Schlips zu treten, verkniff ich mir Einwände, wollte ihn nicht vergrätzen, rang mir irgendwelche Philosopheme und Formulationen ab, die mir selber nicht gefielen, zwecks Adaption, hoffentlich nicht Anbiederung.

Am 26. Mai 1987 schrieb ich ihm: »Im übrigen beobachte ich mit Vergnügen Ihr zögerndes Sich-Anfreunden und Ihr gleichzeitiges Revoltieren gegen mein Geschriebenes --«:

Nun kam die Internationale Buchmesse Frankfurt herbei – Dauerkarte: 14 DM. Herr Matthes überreichte mir freudig Der Pfahl, angeschwollen inzwischen auf 519 Seiten, Ladenpreis: 58 DM. Das wollte sicher kaum einer hinlegen für ein unbuntes broschiertes Brikett. Nie hatte ich solch einen hohen Preis beobachtet. In hochkarätiger Gesellschaft befand ich mich: zwischen Wolfgang Rihm und Gerd Bergfleth (Theorie der Diskontinuität), eingemischt sogar Grillparzer und Flaubert, so als stünden sie heute im Diskurs, oder als wären Bernd Mattheus (»Fragmente zur Vernunftkritik«) bereits jetzt Klassiker. Sogar mein Namensvetter, der anthropofugale Denker und Cioranableger Ulrich Horstmann, fand sich unweit von mir. Er schrieb über Theodor Lessing – und Friedrich Georg Jünger über Otto Weininger.

Komisch; wenn uns jemand beobachtet hätte, wär ihm unser Techtelmechtel wohl als Zweikampf vorgekommen, zwischen Spaßbremse und Clown. Doch im Gespräch lachte Nietzscheverehrer Matthes, der Humorskeptiker, mehr als ich, der von ihm her gesehen allzu Humorvolle, falls nicht gar Hanswurst Gottes. Sein Gesicht, aufwärtsblickend, rückte recht nah an das meinige, so dass ich dezent einen Schritt zurückwich; eine Minute später wich ich, da es nachrückte, nochmal zurück, dann nochmal, bis wir plötzlich gar nicht mehr vor dem Stand Matthes & Seitz standen, sondern fünf Meter weiter vor dem Kastell Verlag, vor Herrn Burgauner, der darunter litt, dass bei Matthes ziemlich viele Bücher geklaut wurden, bei ihm aber nie auch nur ein einziges.

 Hinten in Der Pfahl stand: »Ulrich Holbaum malt und schreibt; the effects of noise on man machen ihm empirisch übel zu schaffen; er schreibt ein Buch zu diesem Thema für Matthes & Seitz.« O je – er malt!?! Wie kam der Verleger drauf? Hab ich so einen Stuss etwa erzählt? Er malt! Schamröte, lass nach.

Ich fragte Matthes, wer Seitz sei. Da kam als Antwort: »Ein Arsch«, im Sinne, ein Büromensch, längst abgestreift, aber als Name immer weiterhin voll dabei, für immer.

Ihm assistierte ein weibliches Wesen, welchselbiges ich also für seine Lebensgefährtin halten musste. Jahre später kam raus: keineswegs.

Wir fanden einen Mittelweg. Er fand mich nicht völlig schlecht; ich strebte, nicht ohne Kloß im Hals, seine singulären Autoren zu loben, drei weitere Matthes & Seitz-Buchgeschenke: Ich gestatte mir die Revolte, von Matthes und Mattheus, dann: Theorie der Verschwendung, ein Bataillebuch von Gerd Bergfleth, dann noch: Heftige Stille. Ich versuchte, die Dinge so gut zu finden wie möglich, obwohl: A. Matthes fand seinen Hausautor B. Mattheus selber nicht völlig herrlich. Er habe ihm sehr gedient, erzählte er, als Artaud-Übersetzer, und da habe er sich verpflichtet gefühlt, auch die eigenen Aphorismen dieses Übersetzers in Buchform zu bringen. Das kaufte natürlich keiner.

Auf Baudrillard sprang ich übrigens ein bisschen mehr an als auf Bataille. Simulakrum etc. – das konnte ich mir gefallen lassen. Ich berichtete dem Verleger über meine Lektüre: »Bei Bataille las ich zuerst die Kapitel über den Selbstverzehr der Sonne, das Glühen des Tigers: Gedanken, die mit der Welt meines Hirnes optimal harmonieren.«

Übertrieb ich da etwas, um meinem Verleger etwas Gutes zu tun?

Bald nach der Buchmesse schrieb ich ihm unaufgefordert meine Pfahl-Lektüreeindrücke, mit Briefkopfzeichnung, ließ jede Menge Lob los, voller Pferdefüße, Seitenhiebe, Dünkel, Geschwätzigkeit – tja, mitnehmen oder weglassen?

»Lieber Axel Matthes, ich stecke lesend mitten im Pfahl, entdecke Querbezüge zwischen Grillparzers Apologie der Kälte und dem Titel der cool memories; die Titel klingen bestechend, die Namen der Autoren, durcheinanderfliegend in der Bonbontüte des Zeitgeists, durchgehend klangvoll, die gewählten Themen dermaßen herrlich, dass die Texte manchmal schwerhaben, Schritt zu halten. Manches bleibt einfach schlaff, normal, wenig bösartig, um dem deftigen Programm von Léon Bloy an allen Stellen entsprechen zu können. Zwar mischt fast überall ein lustvolles Quantum Hochmut mit, oft aber bleibt die Legitimation zum Hochmut im Text nicht auffindbar – es wird zu wenig gepfählt, zu wenig abgestochen, aufgespießt. Das muß dann mit einem Mißbrauch von Ausrufezeichen, z.B. ab S. 48, wettgemacht werden. Auch die cool memories sind noch nicht cool genug, nicht so ingeniös wie jene Passagen über das DICKE, das ich in einer Nürnberger Buchhandlung, auf einem Bein stehend, mit Wonneschauern in den fatalen Strategien las. Am frischesten und eigenwilligsten dünkten mir bisjetzt noch (las nicht alles, kann noch zu Entdeckungen kommen) Rihm und Hirsch; gegen Rihms Kompositionen will ich nichts gesagt haben, kenne zu wenig, und auf den Hirschschen Gesualdo bin ich gespannt. Wenn Sie einmal in diese Gegend kommen, können Sie meine Freundin Marcello singen und auf dem Klavichord begleiten hören. Eines der besten Stücke im Pfahl: hinten die Tabelle der Matthes & Seitz-Bücher: In ihr liegt eine Vehemenz und Leuchtkraft, in den bloßen Titeln, dass es schier Versündigung wäre, dies alles, Stück für Stück, zu lesen. Die Schriftsteller des 20. Jahrhunderts unterliegen samt und sonders einer Gefahr, die auch der Pfahl vorerst nicht umgehen kann und die ich täglich an mir selbst beobachte: zu schreiben, ohne schreiben zu können, also nach Möglichkeit beim Schreiben zu verbergen, wo man abschreibt, was man alles nicht las. Hätte Schestow Schopenhauer gelesen, er hätte die Seiten 212 f.f. nicht mehr in dieser Weise niederschreiben können. Schop. liefert eine geniale Interpretation genau dieser Sachverhalte, derweil Schestow die bloße Beobachtung, die Schop. voraussetzt, beibringt, als soundsovielter Columbus ein kümmerliches Amerika entdeckt. An anderer Stelle im Pfahl wird – nicht anders als Dahlhaus und Sloterdijk – Adorno widerlegt, ohne ihn auch nur sekundenweise zu erreichen. Im Territorium von Naturwissenschaften mag ein Zwerg auf der Schulter eines Riesen mitunter mehr als der Riese sein; in Musik und Philosophie sehen Zwerge nichts – was sie nicht hindert, sich über den Riesen zu stellen, auf welchem sie nicht mal stehn und vermeintlich angespitzte Pfähle gegen ihn richten, von denen der Gepiekste nichts merkt. Am verwandtesten fühl ich mich bis jetzt der Denkbewegung Georg Simmels, 1.) weil ich als --« und so ging es immer weiter, eigentlich peinlich, dass man damals so überlange Briefe tippte.

Herr Matthes sandte mir sogar einen Vertrag zum Buchprojekt »Lärm und Metaphysik«. Herr Burgauner sagte als Goetheverehrer »Ja!« zu meinem Homunculus-Buchprojekt. Raimund Fellinger, edition suhrkamp, sagte »Ja!« zu meinem Buchprojekt »Samthase und Odradek« – ich schwelgte in Zusagenschwemme, im Vorfeld verspäteteten Frühwerks. Als ich Fellinger vom Lärm bei Matthes erzählte, glomm Jagdinstinkt hinter seiner Brille auf; er wollte es abjagen; er versprach, erst Odradek und ein Jahr später das Lärmbuch zu bringen. Suhrkamp klang imposanter als Matthes & Seitz. Ich quälte mich in Entscheidungen, besuchte unterdessen in Kassel Bernd Mattheus, geboren 1953 – und Gerd Bergfleth in Tübingen. Beide Matthesautoren erschienen mir extrem ernst, asketisch, einsam, unbeweibt. Ernsthafte Mattheus- und Bergfleth-Forscher könnte ich noch mit Details dieser Besuche versorgen, zum Beispiel erzählte Mattheus mir, dass er abends um 20 Uhr frühstücke. Zu einem jeweiligen Zweitbesuch kam es nicht.

Ein Habermaszitat über Kinderglück, das ich Matthes sandte, nannte er »Wortgewürge« – d’accord.

1988 spazierten wir sommerlich durch den Englischen Garten; alles sehr angenehm, ohne Zeitdruck, frei parlierend, Flitterstunden, High Noon. Keine Verständigungsprobleme plagten ihn oder mich, also uns. Man redete nicht aneinander vorbei, oder kaum. Er erzählte mir sogar Erotica seiner Vita. Er pflog Koitus im Grünen, da seien Biber in der Szenerie aufgetaucht. Später hatte er eine Loverin, deren Vater jünger als er selber war, steinreich, und von dem er sich Mäzenatentum erhoffte. Doch der Vater grollte nur und rückte nichts raus. Wir redeten fünf Stunden. Andere Themata entfielen mir. Kann sein, dass ich diesen Tag in einem vergessenen, hervorzupfbaren Brief genauer schilderte – falls das jemand dringend wissen will.

Monate später, brieflich, teilte Matthes mir mit, die Vertreter seien plötzlich gegen das Lärmbuch nächsten Herbst, denn da erscheine von Murray Schafer: Klang und Krach. Eine Kulturgeschichte des Hörens bei Athenäum, und das komme sich in die Quere. Wir müssten es um ein Jahr verschieben. Da kams halt in der edition suhrkamp. Später testete ich Murray Schafer. Es gab keine einzige Redundanz zu meinem belauschten Lärm.

Jemand, irgendwann, meldete mir, Matthes habe im Börsenblatt über mich abgelästert. Er nannte mich dort »symptomatisch«, fügte aber nicht hinzu: wofür. Das blieb doch dann recht unpräzise, ja diffus. Musste das sein? Hatte er zunehmend was gegen mich, und wenn ja: was?

Auf einer späteren Buchmesse rief Matthes mir entgegen: »Das ist ja eine Pest mit Ihnen! Jetzt sind Sie ja auch schon ständig in der Süddeutschen!« Er hatte es gemerkt. Ich hatte ja auch gemerkt, dass er mich symptomatisch fand, egal wofür. Den wunderbar erfolgreichen Haffmans Verlag, wo ich einen Fortpflanzungsroman brachte, schalt Matthes verächtlich »Kicherecke« – falls ich ihn da nicht mit Thedel von Wallmoden verwechsle – Schluss mit lustig. Ertragt die Clowns! Leider nahm ich auf keine Messe einen Fotoapparat mit, sonst hätten wir jetzt schöne junge Leute vor Augen.

Als ich einen weiteren Münchenbesuch ankündigte, freute er sich auf »ausführliche Unterhaltungen«. Also stand er mir doch nicht überaus gespalten gegenüber, sondern fand mich irgendwo wert, mit mir im Diskurs zu bleiben, ein Wort, das mir keiner abkaufen würde und um das ich einen Bogen machte wie Mephisto um Knoblauch.

2003 sagte er mir auf einer Buchmesse, er wolle den Verlag verkaufen. »Wenn Sie mir einen Käufer verschaffen, würde ich ein Buch von Ihnen verlegen.« Schubladenprojekte hatte ich kiloweise in petto, wusste aber keinen Käufer.

Es kam aber nochmal zu einer Zusammenarbeit. Ich schrieb zwei Nachworte zu Theodor Lessings Tierbuch und seinem Blumenbuch.

Als ich die Texte abgab »Warum empört der Hyäne Gestalt?«, sowie »Selige Selbstvergessenheit zwischen Hannover und Nirwana, Ameisenkampf und Erbsenblüte«, musste ich gleich wieder sticheln: »Denkerischer Tiefgang, den Sie unter meiner angeblichen Flapsigkeit nicht immer erblicken mögen, schimmert hoffentlich deutlicher durch die Fassade als üblich. Hab sogar Baudrillard und Fechner darin genannt. Hoffe sehr, dass Sie dies in toto loben können.«

Ich brachte dort sogar das Wort »flapsig« unter. Denn Lessing dünkte dem strengen hartkantigen Ludwig Klages zu humorig und flapsig. Als Vorspruch zu einem Brief wählte ich tendenziös von Lessing: »Ein Feuilleton schreiben ist die Kunst, das Letzte und Tiefste so zu sagen, dass Fräulein Alma es für oberflächlich hält.«

Sogar Honorar bekam ich: zweimal 250 Euro, also fünf Hunnis. Prof. Dr. Dieter Heim, der Wense-Herausgeber, bekam für seine jahrelangen Leistungen keinerlei Honorar.

Zwischendurch verteidigte ich mich dann nochmal Axel Matthes gegenüber wegen des offenbar nicht nachlassenden Flapsigkeit-Vorwurfs:

»Unterhaltliche Flapsigkeit hört sich gut an; würd ich mich in solcher erschöpfen, wär ich sicher nicht in Lit. Lexika und Büchern. Sie müssen 94 % überlesen, ignorieren, rausfiltern, ehe besagte Flapsigkeit irgend auf mich zuzutreffen scheint. So fremd können Sie mir aber nicht sein, da es laut Graphologin gewisse Analogien zw. Ihrer und meiner Handschrift gibt. Während Sie Cioran tiefsinnig und mich flapsig finden, findet sich in meiner Handschrift angeblich eine mystische Vertikale, die alles Irdische hinter sich läßt, während Cioran sich in harmloser Gemütlichkeit erschöpft – na also!«

Auf jeder Buchmesse plauderten wir ein wenig, stets stehend, nie sitzend. Nie sah ich ihn essen oder trinken. Mehr Matthesbücher bekam ich geschenkt von ihm, als ich mit Rabatt kaufte. Auch nach zehn Jahren Umgang bot Goethe Schiller kein Du an. Wir fanden sogar eine weitere Gemeinsamkeit. Er hatte nichts gegen Jean Paul. Ich outete mich als Jean-Paul-Enthusiast.

Im Gasteig München besuchten wir eine Uraufführung des Ligeti-Schülers Manfred Stahnke.

2005 sprang ich dann sehr auf Wense an, aber nicht auf die ausgebleicht todernsten Aphorismen, sondern auf die 1500 Seiten hochlebendiger Briefe, voller Neutönerei und Witz, eigenwilliger Landschaftsmystik und enzyklopädischem Hokuspokus. Ich trommelte sehr für Wense in WDR, Narratorium und FR. Zwischendurch lernte ich dann auch einen jungen Mann kennen, der den Verlag gekauft hatte, Andreas Rötzer, sprach mit ihm am Stand über Axel Matthes und über Wense und beobachtete jahrelang seinen kometförmigen Aufstieg mit der Genugtuung, dass dieser Verlag imposant anhub, immer schöner und besser zu mir zu passen, schon allein dank meiner ungeheuren Naturkundenverbundenheit.

Da Matthes mich ja oft und gern kritisierte, hab ich einen Text von ihm auch mal etwas ungnädig kommentiert, so hier, am 28. April 2004:

 

Lieber, hochverehrlicher Sankt Matthesis,

soso, die Wahrheit ist also in der schlichten Weise, na dann. Jetzt sind Sie also nicht nur Geschäftsführer und gar Autor, sondern auch noch Sprachmachthaber und Künder. Hat also Jörg Drews ganz umsonst gegen den hohen Ton polemisiert, und Adorno restlos vergebens solcherlei Verlautbarungswonne und Drauflosphilosophieren als »Niveauschwulst« abgetan und eigentlich für immer unmöglich gemacht, und auch meine Wenigkeit in der »Sprachlupe« umsonst gegen diesen Wir-Schmus gefochten (meinen Sie mit diesem ständigen »wir« Volksgemeinschaft oder wat?). Mir sagen Sie nach, ich schäkere mit Zeitgeist-Plattitüden (auf diese Idee kam sonst keiner), Sie aber wärmen vollrohr abgelebten Konsens von 1936 und früher auf, Theologengeschwächel, Esojargon à la inneres Klingen, ungeheure Mächtigkeit, reinste Anbetung, flehende Zerknirschung, tief erschütternd im Aufschrei -- das ist Kirchenkunst, Reinhold Schneider & Jochen Kleppers ringende Hände. Hand in Hand mit Loerke und Kurth. »Höchste Meisterschaft« u.ä. -- so unkte Goebbels über Wagner und Breker. Sie schaudern nicht mal vor »im Angesicht der Ewigkeit« zurück – brrr, pfui deibel, is ja ganz erschröcklich. »Reich«, Rumpfflächen, Firstflächen, Formwerdungen, Fastebenen, großbrotig, Mathesis, Merksamkeit, zerwirren, fraueneinsam – alles hochmögend bekackte Möchteauchgern-Handkeismen; Botho läßt allzu sehr grüßen. Einige Metaphern und Worte sind nur halb so schlömm, z.B. Korallenstöcke, Elementarien. Aber Ihre heideggerisch präferierten und betonten »Bauern« gingen seit 1926 (Einführung des Traktors) nie wieder »musternd durch ihre Flur« – so mögen sich das Städter von 1925 vorstellen; siehe meine entsprechenden Cioranentlarvungen. Sowas wird seit ca. 70 Jahren Agrarkitsch genannt – haben Sie kein Sensorium für das restlos unrettbar Peinliche, Dümmliche und last but not least Zeitungeistplatitüdeske daran!?! In summa: Da Sie sich seit ca. 87 regelmäßig einen Autor zu kritisieren erlauben und ich das alles auch ganz nett erdulde, hab ich jetzt nur mal kurz den Minispieß umgedreht – ich hoffe, es fühlt sich erträglich an und Sie können damit leben und wirken. Bin halt vorbelastet durch Adorno und wer weiß wen; Ihre Denkmuster hingegen durchseucht vom kleinbrotigen Riesengeist Botho Strauss, der wiederum von mir her gesehen über aufgeblasenes Dünnbier nicht hinauskommt, und dessen hochgeschaukelten Flachmurks dann von Ihnen plagiiert und kongenial verdünnt zu sehen, solcherlei Ambitionsprosa, deren unverkennbare Attribute samt Gesamtsyndromatik ich längst ausgiebig analysierte, muß ich leider »Imitatio von Tiefsinnssimulatio« nennen. Welch Naturwunder, dass wir trotz konträr-disparater Hirne »uns« einigermaßen überlappungskongruent verständigen können. Mich gleichwohl herzlich für »Eine Auslegung des Alls« bedankend, als Ihr mit Kratzfuß untertänigst grüßender

Pansophisticus E.T.U. Holbein

 

Axel Matthes reagierte lapidar, so hier, am 29. April 2004: »Wie schade, dass ein so begabter, sensibler Mensch zwar virtuos Wörterbarrikaden fabriziert, hinter denen – aber wer? – steckt? Dieses ›Wer?‹ möchte ich seit langem rauskriegen, deshalb mein Vorsatz eines abendlangen Gesprächs besuchsweise bei Ihnen.«

Es kam nicht dazu. 2010 sahen wir uns dann nochmal, charakterlich weitergereift, hoffentlich kaum verwittert, auf einem Wense-Kongress in Kassel. Wir saßen sogar im Publikum nebeneinander. Diesmal knipste ich eifrig herum. Er stellte mir sogar eine Frage, wobei mir auffiel, dass er mir noch nie eine Frage gestellt hatte, seit 23 Jahren, seit 1987. Sie lautete leider bloß: »Wo gehts denn hier zur Toilette?« So als müsse ich das wissen.

Später fuhren wir im gleichen Zug aus Kassel fort. Er saß in der 1. Klasse; ich aber hatte nur ein Ticket für die zweite. Wir plauderten in der 1. Klasse, er sitzend, ich stehend. Ein Zugbegleiter wollte nicht, dass ich dort stehe. Ich schlug Herrn Matthes vor, zu mir in die 2. Klasse zu kommen, da es dort sehr leer sei; wir könnten dort weitersprechen. Dies lehnte er ab. So bleib unsere letzte Begegnung auf Erden ohne Deckel oder Abrundung oder Coda irgendwo in der Luft hängen.

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