27.03.2020

Zwischen Shutdown und Shitstorm

Zwischen Shutdown und Shitstorm

Moralische Überlegungen eines Unternehmers in Zeiten des Virus – von Alexander Pschera

Ich bin Inhaber und CEO eines Beratungsunternehmens mit 50 Mitarbeitern. Wie so viele andere Unternehmer auch, habe ich die Krise nicht kommen sehen. Sie war plötzlich „da“. Gleichsam über Nacht verschwanden die Mitarbeiter im Homeoffice. Ich entschied mich dafür, die Stellung zu halten – einer muss ja schließlich die Rechnungen abzeichnen, die Post entgegen nehmen und die Putzleute reinlassen. Ich sitze in 500 Quadratmetern gähnender Leere und plaudere in den Pausen mit den Betreibern verwaister Food-Trucks. Jetzt bleibt mir viel Zeit zum Nachdenken.

Was die Corona-Krise für mein Unternehmen bedeutet, lässt sich noch nicht absehen. Derzeit bröckelt der Umsatz nur minimal, es kommen durchaus auch neue Projekte hinzu. Doch wer weiß, wie das alles weitergehen wird. Eine Ökonomie im künstlichen Koma – das ist ein Szenario, das kein Business-School-Professor je durchdacht hat. „Best Practice“ - diese heilige Kuh des Kapitalismus wurde geschlachtet. Erfahrungswerte gibt es hier nicht. Jeder muss sich selbst durchschlagen und sich zum Beispiel fragen, ob es sinnvoller ist, offene Rechnungen mit Gewalt einzutreiben, um die eigene Liquidität zu sichern, oder dem Kunden, der das am „day after“ schließlich auch noch sein soll, großzügige Stundungen anzubieten, auf die Gefahr hin, dieses Geld nie wieder zu sehen.

In der Corona-Krise gerät die eigene Moral wirtschaftlichen Handelns unter Druck. Die Finanzkrisen von 2001 und 2008 waren anderer Natur. Sie glichen einem Schachspiel, bei dem man über den nächsten guten Investitions-Zug grübeln konnte. Es waren dies Krisen, die den Gedanken an Solidarität nicht aufkommen ließen, weil es in ihnen nur und ausschließlich ums Geld ging. Die Mechanismen des Kapitalmarktes begruben den Blick auf die menschlichen Krisen unter dem Börsenparkett. Jetzt ist das anders: Die Pandemie ist eine universelle Krise, die zwar auch massive finanzielle Auswirkungen hat, bei der sich aber das Moment der sozialen Verantwortung nicht übersehen oder wegdiskutieren lässt. Unternehmerisches Handeln muss sich neu erfinden.

Bei uns ging das damit los, das Licht am Ende des Tunnels anzuknipsen, ohne zu wissen, ob da wirklich eine Glühlampe hing. Es schien mir zur Verantwortung eines Unternehmens zu gehören, der fundamentalen biologischen Bedrohung mit den Mitteln der Vernunft zu begegnen, die besagt, dass derjenige, der Verantwortung trägt, auch für die Hoffnung seiner Leute verantwortlich ist. Wenn einer Belegschaft von heute auf morgen der Boden unter den Füßen weggezogen wird, dann ist es die Pflicht des Arbeitgebers die Fallhöhe zu benennen und vor allem zu relativieren.

Zweitens schien es mir wichtig, Präsenz zu zeigen, vor allem auch in Situationen, in die ich mich sonst nie eingemischt habe. Mit dem Resultat, dass ich nun nach ungezählten Videocalls die Bücherregale, Kücheneinrichtungen und den Wandschmuck der Wohnungen unserer Mitarbeiter auswendig kenne. Es hat sich ausdelegiert. Nähe ist das Gebot der Stunde – und zwar eine Nähe, der das Moment der Kontrolle und der Überwachung genommen werden muss. Wenn Mitarbeiter das Gefühl bekommen, dass ihre Produktivität im Homeoffice bezweifelt wird, dann hat man damit begonnen, sich sein eigenes Grab zu schaufeln.

Aber das sind natürlich alles nur Kleinigkeiten, die, so wichtig sie für den Zusammenhalt in der Krise auch sind, das ökonomische Ganze nur peripher berühren. Es sind dies Prolegomena der wirtschaftlichen Moral. Viel kritischer ist die Frage, ob man Kunden, die die Corona-Krise kommunikativ für sich nutzen, um beispielsweise ihre Produkte zu verkaufen, ohne moralische Bedenken unterstützen soll. Denn von Atemgeräten über medizinische Fachartikel bis hin zu Streamingdiensten und digitalen Plattformen für agiles, verteiltes Arbeiten gibt es ja eine Vielzahl von Lösungen, die gerade hoch im Kurs stehen und deren Absatzmöglichkeiten sich vervielfacht haben. Ist es moralisch gerechtfertigt, diese Maßnahmen zu unterstützen? Kann es in einer Zeit, in der Millionen Menschen nicht in der Lage sind, ihre Mieten und Leasingraten zu zahlen, wirklich darum gehen, seine eigene ökonomische Position auszubauen? Und macht man sich mitschuldig, wenn man die Arbeitskraft des eigenen Unternehmens, die ja durchaus auch für konkrete und unmittelbare Hilfszwecke eingesetzt werden könnte, in den Dienst solcher Aktivitäten stellt? Man muss bei der Beantwortung dieser Fragen zweierlei bedenken: Erstens kann es durchaus von gesellschaftlichem Interesse sein, Lösungen, die soziale Härten abfedern und problemlösungsorientiert sind, gerade jetzt einem weiteren Publikum bekannt zu machen. Und zweitens ist die abstrakte moralische Verantwortung abzuwägen gegen die konkrete moralische Verantwortung gegenüber dem sozialen Kosmos des eigenen Unternehmens, der ja nicht nur aus den Mitarbeitern, sondern auch aus deren Familien besteht. Es geht nicht nur um 50 Arbeitnehmer, sondern um ein virtuelles ökonomisches Kollektiv von mindestens 100.

Unternehmer sind ja dafür bekannt, dass sie gerne wirtschaftliche Theorien entwickeln und zu aktuellen Entwicklungen eine eigene Meinung haben, die durchaus quer zum Zeitgeist stehen kann. Ich habe mich ganz zu Beginn der Corona-Krise mit einem Posting aus dem Fenster gelehnt und dadurch einen veritablen Shitstorm ausgelöst. Ich stellte nicht nur die These auf, dass durch einen Shutdown ungeheure volkswirtschaftliche Werte zerstört werden würden, die in keiner Relation zum Bedrohungsszenario stünden, sondern auch die Hypothese, dass durch einen Shutdown mindestens genau so viele Menschen sterben würden wie durch eine unkontrollierte „Durchseuchung“ der Gesellschaft – und zwar aufgrund von häuslicher Gewalt, depressions-induziertem Selbstmord, mangelnder Pflege. Die harmlosesten Beschimpfungen, die mich nach diesem Posting erreichten, waren „neoliberaler Wüstling“ und „Hirn einschalten“. Dabei hatte ich nichts anderes gemacht, als versucht, volkswirtschaftliche und vernunftorientierte Schlüsse zu ziehen.

Heute würde ich dieses Posting nicht mehr schreiben. Und zwar nicht, weil meine Hypothese falsch war. Ich glaube sogar, sie ist richtig. Ich beobachte allenthalben vor allem in finanzgetriebenen Foren und im Umfeld der großen Business-Schools das Aufleuchten dieser Argumentationslinie. Das Problem dabei ist, dass sie den Schutz von Investments als oberste Priorität definiert und damit einer Quantifizierung Vorschub leistet, die schließlich auch eine Quantifizierung des menschlichen Leids in Kraft setzt. Moral aber, selbst diejenige des Wirtschaftslebens kapitalistischer Staaten, kann nicht quantifiziert werden, ohne sich selbst zu zerstören. Es darf nicht darum gehen, wie viele Menschen in dem einen und im anderen Szenario sterben, sondern darum, unter welchen Bedingungen diejenigen, die von der Krankheit mehr oder weniger schwer betroffen sind, diese Krankheit erleben, und wie und unter welchen Bedingungen sie unter Umständen sterben. Jeder Mensch, der in einem Krankenhausflur erstickt, weil kein Beatmungsgerät zur Verfügung steht, jeder Mensch, der ohne seine Angehörigen stirbt, weil diese das Krankenhaus nicht betreten dürfen, ist ein moralisches Argument gegen die These von der volkswirtschaftlichen Unvertretbarkeit des Shutdowns. Und es gehört auch zur Moral des Unternehmers, so ist mir jetzt klar geworden, solche Behauptungen moralisch konkret zu überdenken, bevor er sie, in welchem Forum auch immer, in die Welt schickt.