Deutscher Preis für Nature Writing 2026

Deutscher Preis für Nature Writing 2026

Alexander Schnickmann erhält den Deutschen Preis für Nature Writing 2026

Der Deutsche Preis für Nature Writing geht 2026 an Alexander Schnickmann. Darüber hinaus erhalten Kameliya Taneva und Lena Schnabl jeweils ein Stipendium zur Teilnahme am prominent besetzten Nature-Writing-Seminar der Stiftung Kunst und Natur im November 2026. Die Preisverleihung wird im Rahmen des ILB – Internationales Literaturfestival Berlin am Dienstag, den 8. September 2026, um 20 Uhr auf der Hinterbühne des Hauses der Berliner Festspiele (Schaperstraße 24, 10719 Berlin) stattfinden. Wir laden Sie herzlich ein, dabei zu sein – der Eintritt ist frei.

Die Vergabe erfolgt durch den Verlag Matthes & Seitz Berlin in Kooperation mit dem Umweltbundesamt sowie der Stiftung Kunst und Natur. Die Preisausschreibung steht unter der Schirmherrschaft des Präsidenten des Umweltbundesamtes Dirk Messner. Der Preis ist dotiert mit 10.000 € sowie einem sechswöchigen Schreibaufenthalt in den Räumlichkeiten der Stiftung Kunst und Natur inmitten ihres weitläufigen Natur- und Veranstaltungsgeländes im bayerischen Voralpenland.

Die Jury bilden in diesem Jahr die Journalistin und Autorin Petra Ahne, Jean-Marie Dhur, Mitbetreiber der Kreuzberger Buchhandlung Zabriskie, der Literatur- und Kulturwissenschaftler Steffen Richter, die Bild- und Medienwissenschaftlerin Birgit Schneider sowie der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Florian Werner.

 

Jurybegründung

Ein Schubladenfund in den Räumen eines gescheiterten Buchverlags bringt eine Reihe ausgedruckter E-Mails zum Vorschein. Ihr Verfasser, der im Begriff ist, für den Verlag ein Tierportrait über Asseln zu schreiben, äußert darin ein zunehmendes Unbehagen – an der eigenen Arbeit, vor allem aber am Erscheinungsbild des deutschsprachigen Nature Writing. Das ist die Konstellation, die Alexander Schnickmann in seinem Prosaexperiment »Fuck Nature Start Writing« entwirft. Aus der Fülle von über 270 anonymisierten Einreichungen hat er die Jury des Deutschen Preises für Nature Writing am meisten überzeugt.

Mit großer Spielfreude und Widerständigkeit gegenüber den weithin beliebten Tierarten des naturkundigen Genres, die eine idyllische, heroische oder auch possierliche Identifikation ermöglichen, verknüpft Schnickmann in seiner Found-Footage-Fiktion den Cthulhu-Mythos von H.P. Lovecraft mit einer Reflexion über die Fallstricke und Sackgassen des zeitgenössischen Nature Writing. Durch die Wahl der Assel stellt der Autor Erwartungen auf den Kopf: Ein merkwürdiges und fremdartiges Krebstierchen, vor dem viele sich ekeln, das aber seit Millionen von Jahren eine äußerst resistente Existenz führt und im Verborgenen mysteriöse Dinge verrichtet, bekommt endlich die verdiente Aufmerksamkeit. Eine intelligente Kreatur, die in ihrer Fremdartigkeit gut als Hauptdarstellerin in einem Gefahr-aus-dem-Weltraum-Film agieren könnte und uns den Spiegel vorhält, was unser Verhalten gegenüber dem Fremden betrifft. In die konventionelle Naturprosa des Portraitversuchs dringen immer wieder bissige, nachdenkliche und unheimliche Reflexionen ein: etwa über das Unbehagen, angesichts ökologischer und klimatischer Katastrophen in anthropozentrischer Weise über Natur zu schreiben, wenn diese letztendlich nur als Kulisse und vermeintlich heilende Wohlfühlwelt für eigene Emotionen dient. Hinter dieser Kulisse, das führt Schnickmanns Text vor Augen, lauern längst zahllose Krisen, Notlagen und Gefahren — schmatzend und knirschend wie die Tentakel eines Lovecraft’schen Monsters.

Man könnte die Strategie, Nature Writing durch das Prisma einer solchen ungewöhnlichen ökologischen Weird Fiction und mit den Mitteln der Satire zu betreiben, als Versuch missverstehen, das dynamische Genre des Nature Writing zu Grabe zu tragen. Wir verstehen es aber vielmehr als Aufforderung, die Komfortzone uns lieber Naturbeschreibungen zu verlassen, das Beobachten aus sicherer Distanz aufzugeben und sich mitten ins Geschehen zu stürzen, sich den Herausforderungen der Gegenwart zu stellen. Um es mit der Philosophin des Cthulhuzän Donna Haraway zu sagen: Staying with the trouble - bleiben wir unruhig!

 

Alexander Schnickmann, 1994 geboren, aufgewachsen in Bergkamen im Ruhrgebiet, lebt als Schriftsteller in Berlin. 2023 wurde er mit dem Leonce-und-Lena-Preis ausgezeichnet. Essays, Prosa und Gedichte erschienen in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien. Sein Debüt »requiem« erschien 2024 bei Matthes & Seitz Berlin. Zuletzt erschien der Gedichtband »Gestirne«, ebenfalls bei Matthes & Seitz Berlin.

 

Über den Deutschen Preis für Nature Writing
 
Der einmal jährlich vergebene Preis zeichnet Autor*innen aus, die sich in ihrem literarischen Werk auf ›Natur‹ beziehen. Der Preis knüpft an die vor allem in den USA und in Großbritannien ausgeprägte schriftstellerische Tradition des Nature Writing an, in der sich Autor*innen mit der Wahrnehmung von Natur, mit dem praktischen Umgang mit dem Natürlichen, mit der Reflexion über das Verhältnis von Natur und Kultur und mit der Geschichte der menschlichen Naturaneignung auseinandersetzen. Genreübergreifend findet dabei sowohl essayistisches als auch lyrisches und episches Schreiben Berücksichtigung. Die Thematisierung von ›Natur‹ schließt die Dialektik von äußerer und innerer Natur ebenso mit ein wie die Auflösung der Grenzen von Kultur und Natur, aber auch die Möglichkeiten oder Probleme des Schutzes von Naturerscheinungen und natürlichem Geschehen. Nature Writing spricht nicht von ›der Natur als solcher‹, sondern von der durch Menschen wahrgenommenen, erlebten und erkundeten Natur. Die leibliche Präsenz, die konkrete Tätigkeit des Erkundens und die Reflexion auf die gewonnenen Erkenntnisse werden in der Regel im Text fassbar.

Der Preis wird gemeinsam durch den Verlag Matthes & Seitz Berlin, das Umweltbundesamt und die Stiftung Kunst und Natur vergeben, die zusätzlich einen Schreibaufenthalt der Preisträger*innen in ihren Räumlichkeiten sowie zwei Stipendien für eine Teilnahme an ihrer jährlichen Nature-Writing-Schreibwerkstatt ermöglicht.

 

Partner des Preises:

Kooperationspartner der Preisverleihung:

***

DPNW Archiv


B
isherige Preisträger*innen

2026                     Alexander Schnickmann
2025                     Franziska Füchsl
2024                     Kenah Cusanit
2023                     Susanne Eules
2022                     Levin Westermann
2021                     Mara-Daria Cojocaru und Bernd Marcel Gonner
2020
                    Ulrike Draesner und Esther Kinsky
2019                     Daniela Danz und Martina Maria Kieninger
2018                     Christian Lehnert und Sabine Scho
2017
                     Marion Poschmann

2026                     Jurybegründung Alexander Schnickmann

Ein Schubladenfund in den Räumen eines gescheiterten Buchverlags bringt eine Reihe ausgedruckter E-Mails zum Vorschein. Ihr Verfasser, der im Begriff ist, für den Verlag ein Tierportrait über Asseln zu schreiben, äußert darin ein zunehmendes Unbehagen – an der eigenen Arbeit, vor allem aber am Erscheinungsbild des deutschsprachigen Nature Writing. Das ist die Konstellation, die Alexander Schnickmann in seinem Prosaexperiment »Fuck Nature Start Writing« entwirft. Aus der Fülle von über 270 anonymisierten Einreichungen hat er die Jury des Deutschen Preises für Nature Writing am meisten überzeugt.

Mit großer Spielfreude und Widerständigkeit gegenüber den weithin beliebten Tierarten des naturkundigen Genres, die eine idyllische, heroische oder auch possierliche Identifikation ermöglichen, verknüpft Schnickmann in seiner Found-Footage-Fiktion den Cthulhu-Mythos von H.P. Lovecraft mit einer Reflexion über die Fallstricke und Sackgassen des zeitgenössischen Nature Writing. Durch die Wahl der Assel stellt der Autor Erwartungen auf den Kopf: Ein merkwürdiges und fremdartiges Krebstierchen, vor dem viele sich ekeln, das aber seit Millionen von Jahren eine äußerst resistente Existenz führt und im Verborgenen mysteriöse Dinge verrichtet, bekommt endlich die verdiente Aufmerksamkeit. Eine intelligente Kreatur, die in ihrer Fremdartigkeit gut als Hauptdarstellerin in einem Gefahr-aus-dem-Weltraum-Film agieren könnte und uns den Spiegel vorhält, was unser Verhalten gegenüber dem Fremden betrifft. In die konventionelle Naturprosa des Portraitversuchs dringen immer wieder bissige, nachdenkliche und unheimliche Reflexionen ein: etwa über das Unbehagen, angesichts ökologischer und klimatischer Katastrophen in anthropozentrischer Weise über Natur zu schreiben, wenn diese letztendlich nur als Kulisse und vermeintlich heilende Wohlfühlwelt für eigene Emotionen dient. Hinter dieser Kulisse, das führt Schnickmanns Text vor Augen, lauern längst zahllose Krisen, Notlagen und Gefahren — schmatzend und knirschend wie die Tentakel eines Lovecraft’schen Monsters.

Man könnte die Strategie, Nature Writing durch das Prisma einer solchen ungewöhnlichen ökologischen Weird Fiction und mit den Mitteln der Satire zu betreiben, als Versuch missverstehen, das dynamische Genre des Nature Writing zu Grabe zu tragen. Wir verstehen es aber vielmehr als Aufforderung, die Komfortzone uns lieber Naturbeschreibungen zu verlassen, das Beobachten aus sicherer Distanz aufzugeben und sich mitten ins Geschehen zu stürzen, sich den Herausforderungen der Gegenwart zu stellen. Um es mit der Philosophin des Cthulhuzän Donna Haraway zu sagen: Staying with the trouble - bleiben wir unruhig!

»Fuck Nature Start Writing« wird vsl. im September 2026 in der Reihe Naturkunden, herausgegeben von Judith Schalansky, bei Matthes & Seitz Berlin erscheinen.

 

2025                     Jurybegründung Franziska Füchsl

Die Grenzlandprosa von Franziska Füchsl setzt entlang des Flusses Große Mühl und seiner Verzweigungen eine faszinierende Naturlandschaft in Szene, verschweigt aber auch nicht deren kulturelle Prägungen – und Verheerungen. Das an Bayern und Südböhmen grenzende Mühlviertel in Oberösterreich, die Herkunftsregion der Autorin, wird in diesem Erzählen Gegenstand einer Heimatkunde, welche die geologische Beschaffenheit des Gneis- und Granithochlands mit Feldspat, Quarz und Glimmer ebenso im Blick hat wie die lokalen Dialekte und die Grenzgeschichten der Region. Umgebungen werden in dieser Sprache in hohem Maße konkret und unverwechselbar, Natur- und Sozialgeschichte verschränken sich in Perspektiven, die zwischen Menschen, Bauernorchideen und Bäumen changieren. Es ist diese hochgradig artifizielle, die Register des Mündlichen wie des Schriftlichen nutzende Sprache, welche die Lesenden mit sich fortträgt. Der Wasserlauf affiziert den Erzähllauf, der seine Kohärenz aus metonymischen Fortpflanzungen und lautlichen Assoziationen bezieht. Diese wiederum setzen dem Gleichmaß des Fließens eine Sperrigkeit der Bilder, der Syntax und des Vokabulars entgegen. Wörter malen in Franziska Füchsls »Am Rande der Müh« nicht nur Vorhandenes ab, sondern entwerfen eine Wirklichkeit eigenen Rechts. Der Fluss wird zu einem Ort des Denkens und der Reflexion über die Beziehung zwischen Mensch und Natur.

»Am Rande der Müh« ist 2026 in der Edition Thanhäuser erschienen.

2024       Jurybegründung Kenah Cusanit

Ein Kurzstreckenlauf durchs World Wide Web mündet in eine Überquerung der Alpen, ein Greifvogel kreist über der Geschichte der Namen von Weizensorten, ein menschliches Herz ähnelt einem Hefeteig. Kenah Cusanits Essay »Senatore Capelli« springt mit intellektueller Neugier, mit sprachlicher Elastizität und Elan, mit Haltung und Humor zwischen scheinbar unvereinbaren Themenfeldern hin und her und verbindet sie zu einem oszillierenden Ganzen. Die Autorin faltet Motive in- und übereinander, findet Verwandtschaften im scheinbar Fremden, zoomt ins Detail und wagt die Vogelperspektive. Sie verknüpft die Mikrostruktur einer Darminnenwand mit den Stoppelfeldern der industriellen Landwirtschaft. Ein temporeicher, ganz und gar gegenwärtiger Text, der die Grenzen dessen, was Nature Writing sein kann, auf staunenswerte Weise erweitert.

»Senatore Capelli« ist 2025 in der Reihe Naturkunden, herausgegeben von Judith Schalansky, bei Matthes & Seitz Berlin erscheinen.

2023       Jurybegründung Susanne Eules

Im Gedichtzyklus miami t:ex(i)ting widmet sich Susanne Eules der berühmtesten Stadt Floridas, die wie so viele andere Großstädte vom Anstieg des Meeresspiegels bedroht ist. Eine Bedrohung, von der sich der kapitalistische Hedonismus des Sunshine State allerdings wenig beeindrucken lässt, mag auch ein »wirbelrest von plastikmüll des north atlantic gyre« um die Hafentowers sausen, Miami bleibt die »alpha city mit korallenkette«. Man fährt weiter Kreuzfahrtschiff und reitet fröhlich den »leviathan der erderwämungsachterbahn«. Pierre Aronnax und Ishmael, die alten Wasserhelden, haben in dieser Welt nicht mehr viel zu melden. An ihrer Stelle regiert jetzt das Kaffeehaus Starbucks, das sich den Namen mit dem Steuermann der Pequod teilt, und Kyogre, die »Wetter-Legende« aus dem Pokémon-Spiel. Susanne Eules bringt die Verse dabei in Bewegung, als verfüge dey über eine Wellenmaschine: Mal wie Treibgut, mal wie Schaumkronen wogen diese Verse über die Seiten, spielerisch, virtuos und von satirischer Schärfe: »o greenland du neues flo/rida«!

 

2022       Jurybegründung – Levin Westermann

Mit Levin Westermann wird ein Lyriker, Essayist und Prosaautor ausgezeichnet, der Nature Writing dezidiert als kulturelle Praxis begreift. Sein Romanauszug »Hohfluh« vollzieht eine Bewegung, die aus der schweizerischen Stadt Biel bis nach Hohfluh führt, einer Haltestelle der Magglingenbahn über dem Bielersee. Diese Standseilbahn, ein technisches Artefakt aus der Hochzeit der industriellen Revolution, fungiert gleichsam als Sprungbrett aus einem urbanen Ensemble in einen Wald am Fuße des Jura. Dieser Wald ist gleichermaßen Erfahrungsraum der Sinne wie der Emotionen und Sprachen, die sich in ihm angelagert haben. Er wird zum Ort der Reflexion über die Rechtmäßigkeit seiner Aneignung durch Menschen und andere Tiere sowie über die interessengeleiteten Erzählungen, die über ihn in Umlauf sind. Natur wird dabei nicht zum vermeintlich reinen Objekt der Beobachtung verklärt, sondern in ihren kulturellen Überschreibungen durch Texte und Bilder erst in ihrer heutigen Gestalt kenntlich. Westermanns kluge Prosa mit ihrem faszinierenden Rhythmus, ihrer überzeugenden erzählerischen Dramaturgie und ihren dem erforschten Gelände folgenden mäandernden Denkbewegungen wird getragen von einem ethischen Impuls, dem eine tiefe Skepsis gegenüber der eigenen Gattung – dem »Wahnsinn einer Spezies außer Rand und Band« – eingeschrieben ist.

»Hohfluh«ist ein Teil von Levin Westermanns Roman »Zugunruhe« der bei Matthes & Seitz Berlin erschienen ist.

 

2021      Jurybegründungen – Mara-Daria Cojocaru und Bernd Marcel Gonner

Mit Mara-Daria Cojocaru wird eine Dichterin ausgezeichnet, die sich der Auseinandersetzung mit Natur im urbanen Raum widmet. Ihre Beobachtungen und poetischen Interventionen gelten den Zonen der Überschneidung von menschlicher Überprägung und Durchsetzungskraft der Natur wobei immer die Frage im Raum steht, was denn Natur im Auge des Menschen sein kann und wie sie ihre Benennung erfährt. Ihre besondere Beobachtungsgabe gilt dabei den Tieren: Vögeln, Füchsen, Hunden, Katzen; in anekdotischen Szenen, scheinbar dokumentarisch verortet in Zeit und Raum, begegnen sich Mensch und Tier, den Hintergrund bilden Zonen fragwürdiger Wildnis oder Verwilderung. Cojocaru schreibt mit Witz und großer sprachlicher Sensibilität unter Einbeziehung fremdsprachiger Elemente, die im Verhältnis zum deutschsprachigen Blick der Texte ein ähnliches Spannungsfeld öffnen wie das zwischen den Blicken der Kreaturen, die sich in den Gedichten begegnen.

Der Zyklus »Minima Anthropophilia« von Mara-Daria Cojocaru ist Teil des 2021 bei Schöffling & Co. erschienenen Bandes »Buch der Bestimmungen«.


Bernd Marcel Gonners Essay »Sediment und Sedum« vergegenwärtigt in einer ungewöhnlichen, strecken weise kunstvoll experimentellen Montageform elementare Naturerfahrungen: Das Grundgerüst bildet ein episodenartiger Bericht von der sehr bewusst gewählten bäuerlichen und landschaftspflegerischen Arbeit in einer historisch gewachsenen Kulturlandschaft, dem Steppenheiden Gebiet der Kalksteinhänge des Oberen Taubertals. Eingeschnitten in die erzählerischen Episoden sind Zitate aus ortsbezogenen geologischen, botanischen, landeskundlichen und lokalhistorischen Sachbüchern, aber auch Pflanzenlisten, literarische Einsprengsel, einzelne Wahrnehmungssplitter. So entsteht ein dichtes Gewebe verschiedener Textelemente, das nicht nur die Landschaft, die Bodenbeschaffenheit, die Vegetation, das Tierleben mit großer Intensität vorstellt, sondern die physische wie die mentale ›Einarbeitung‹ in das Gelände nachvollziehbar werden lässt. Gonner gelingt das in der deutschsprachigen Literatur seltene Kunststück, das Erleben unmittelbar körperlicher ›Arbeit an der Natur‹ durch avancierte literarästhetische Mittel sowohl sinnlich fassbar zu machen als auch diese Arbeit in große historische, naturkundliche und kulturelle Kontexte zu stellen.

»Sediment und Sedum« von Bernd Marcel Gonner ist 2021 im Verlag Killroy Media Ludwigsburg erschienen.

Link: https://www.killroy-media.de/shop/bernd-marcel-gonner-sediment-und-sedum/

 

2020     Jurybegründungen – Ulrike Draesner und Esther Kinsky

Ulrike Draesner beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie angemessen ›von der Natur‹ zu schreiben sei. Ihr Text »Radio Silence« radikalisiert die Ansätze, eine Sprache für Naturwahrnehmung und Naturbegegnung zu finden, die über ›deskriptiv‹ oder ›homogenisierend‹ hinausgeht. Sie überschreitet entschieden Genre- bzw. Gattungsgrenzen: Elemente von Essay, Bericht, Theorie, autobiografischem Notat, Gedicht sind ineinander verwoben, der Wechsel von Innen- und Außenwahrnehmung wird meisterlich gehandhabt, und in der Variation der Sprechweisen verbinden sich äußerste sprachliche Präzision und sinnliche Anschaulichkeit. Es gelingt Ulrike Draesner, hohes theoretisches Bewusstsein und genaue naturkundliche und zeitgeschichtliche Kenntnisse mit einer außerordentlichen Nähe zur wahrgenommenen Mitwelt in der avancierten Textgestaltung zu einem hervorragenden Beispiel für zeitgenössisches Nature Writing zu verweben.

»Radio Silence« von Ulrike Draesner ist bisher unveröffentlicht.

Esther Kinsky widmet ihre Aufmerksamkeit in vielen Büchern dem Gelände und weist auf Dynamik und Vielschichtigkeit, auf Beharren und Verändern, auf die Wechselbeziehung von menschlichem Vorstoß und natürlichem Widerstand hin. Sie schafft damit ein Neugelände. In ihrem Text »Tagliamento«, in dem sich Prosa und Lyrik verschränken, schreitet Esther Kinsky sprachlich eine der letzten wilden, unregulierten Flusslandschaften Europas ab. Ihr Text folgt dem Lauf des Flusses, der in den Friulanischen Dolomiten entspringt und in das Adriatische Meer mündet, seinen Evolutionen, den Menschen, ihren Sprachen und ihrer Geschichte. Sie hört dem Wasser zu, liest im Stein und betrachtet das Spiel von Licht, Schatten, Farben. Sie bringt die Dinge selbst zum Sprechen, sie geben etwas preis, das älter als ihre Namen ist. In der scheinbar distanzierten Betrachtung gelingt es ihr, durch die Sinnlichkeit und Genauigkeit der Sprache eine überaus große Nähe und Empathie herzustellen. Wie der Fluss unter dem Schotter mäandert, so fungieren bei Esther Kinsky einzelne Wörter – auch poetisch anverwandelte geologische Fachbegriffe – wie Gelenke, Abzweigungen, Verzweigungen, an denen eine konkrete Wahrnehmung überführt wird in eine andere Bedeutungsebene. Und immer wieder entdeckt man Sprachfährten, die auf die Versehrtheiten und Erschütterungen am Tagliamento hindeuten. Esther Kinskys intensive sprachliche Erkundung und »Befragung« der Naturwahrnehmung zeigt: Keine Landschaft ist unschuldig.

»FlussLand Tagliamento« ist 2020 in der Edition Thanhäuser erschienen (vergriffen).

Link: https://thanhaeuser.at/flussland-tagliamento/

Neuausgabe in der Friedenauer Presse.

Link: https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/flussland-tagliamento.html

 

2019     Jurybegründungen – Daniela Danz und Martina Maria Kieninger

»wildernis« heißt der dreiteilige, streng gebaute Zyklus von Daniela Danz. »wildernis« – das war die raue Gegend, Synonym der Einsamkeit, das bedeutet im Niederländischen jemanden seinem Schicksal zu überlassen und im Englischen bezeichnet es Wildheit, Wildnis, Zügellosigkeit und Leidenschaftlichkeit. Der Name ist für Daniela Danz Programm. Ihre Beschreibungen von den verlassenen Rändern der Welt mitten in Europa fragen in Bildern aus dem Tier-, Pflanzen- und Mineralienreich wie es weitergeht, wenn die Menschen an ihren Fortschritten zugrunde gehen. Es ist ein zorniger Text mit einem melancholischen Unterton, der das lineare Erzählen verlässt und in mehreren Schichten – Zeitebenen, Perspektiven und Sprecherfiguren – gegen die Mutlosigkeit anschreibt, es sich nicht in den Erinnerungen an vergangene Zeiten  gemütlich einzurichten. Ein Schweben zwischen Hoffnung und Eschatologie. Wenn sie Kali als Pflanze, Bergbaulandschaft und indische Göttin in eins setzt mit den Rissen in der Landschaft und in den Menschen, wenn sie über die unsichtbare Leere der ausgehöhlten Landschaft und über die Unsicherheiten des menschlichen Lebens und die schwarzen Träume spricht, entsteht ein einzigartiger Sprachstrudel, ein Sog, der einen tief in  diese Texte hineinzieht.

»Wildniß« von Daniela Danz ist 2020 im Wallstein Verlag erschienen.

Link: https://www.wallstein-verlag.de/9783835338333-wildniss.html

In ihrem Text »Ofnvogl/Goschnhobl« nähert sich Martina Maria Kieninger dem Nature Writing als (Doppelwesen aus) Naturwissenschaftlerin / Chemikerin und Autorin: In einem gekonnten Setting aus schwarzem Humor und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen stellt sie die Frage nach der Natur des Menschen und seinem bestialischen Anteil an der jüngeren, nationalsozialistischen Vergangenheit. Damit geht sie einem Aspekt / einem Erkenntnisfeld der Naturdichtung – die Frage nach der menschlichen Natur – nach, der / das zuletzt in den haarsträubenden Narrationen Identitäre Bewegungen auf eine landschaftlich geprägte Heimatverbundenheit reduziert wird. Mit Suspense und Witz entwirft Kieninger einen rasanten Roman, in dem geklonte Nazis von Leihmutterhunden ausgetragen werden und ein Institut für postdarwinistische Literaturkritik die genetischen Grundlagen des Horst-Wessel-Liedes erforschen. Lustvoll werden darin falsche / jegliche Rekreationsversprechen mit und durch die Natur dekonstruiert, zugleich jedoch auch Empathie und Mitleid mit den Kreaturen geweckt, die wir für jede noch so abstruse wissenschaftliche Hypothese allein unserer Verfügungsgewalt ausliefern. Aktueller und cooler kann die Frage nach der Natur nicht gestellt werden; amüsanter / unterhaltsamer zu lesen war sie selten.

»Ofnvogl/Goschnhobl« von Martina Maria Kieninger ist 2026 im Rohstoff Verlag (Imprint von Matthes & Seitz Berlin) erschienen.

 

2018     Jurybegründungen – Christian Lehnert und Sabine Scho

An Christian Lehnerts Gedichten würdigt die Jury insbesondere, dass hier »die Natur mehr als nur Gegenstand der Wahrnehmung und der poetischen Verarbeitung ist. Die Stimme, die hier spricht, formuliert sich als Teil eines Zusammenhangs. Ohne von sich abzusehen, offenbart sie eine Idee von Natur als vielgestaltige Schöpfung, die der ihrerseits schöpferischen Versprachlichung bedarf. Im souveränen Rückgriff auf bereits Geschriebenes und mit außerordentlichem Formbewusstsein wird in Christian Lehnerts Gedichten Natur ›geschrieben‹. Die Prägnanz und Evokationskraft der einzelnen Naturbilder beeindruckt hierbei ebenso wie der souveräne Gebrauch der Odenform, mit der das Mannigfaltige eingefangen, das Unfassbare fassbar gemacht wird.«

Der Text »Cherubinischer Staub. Gedichte« von Christian Lehnert ist 2018 im Suhrkamp Verlag erschienen.

Link: https://www.suhrkamp.de/buch/christian-lehnert-cherubinischer-staub-t-9783518428191

»Sabine Scho will sich mit ihren künstlerischen Produktionen in die gesellschaftlichen Diskurse über den Zustand unserer natürlichen Mitwelt und über die Verbindungen unserer menschlichen Natur zu der anderer Lebewesen ›einmischen‹«, so die Jurybegründung. »Ihre literarischen Arbeiten verschränkt sie auf inspirierende Weise mit anderen Kunstformen (vor allem Bildkunst und Fotografie) und nutzt dafür auch weitere mediale Darstellungen wie Performances und Ausstellungen. Ihre Lyrik, die sich oft einer variantenreichen rhythmischen Prosa annähert, integriert auch entlegene und komplexe Wissensbestände zu den Naturerscheinungen in die poetische Rede. Zudem sucht sie, in Fortführung der Traditionen des Nature Writing, selbst Naturräume zu eingehenden Erkundungen auf, etwa in Brasilien oder Südafrika. Sie steht mit ihren immer wieder experimentellen künstlerischen Projekten für eine im deutschsprachigen Raum seltene Erarbeitung einer zeitgemäßen Nature Poetry.«

»The Origin of Values 0 – Pantanal« von Sabine Scho und Matthias Holtmann ist 2021 erschienen (herausgegeben von Villa Aurora/Thomas Mann House anlässlich des Salons Sophie Charlotte der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften).

Link: https://sabinescho.de/veroeffentlichungen/

 

2019     Jurybegründung – Marion Poschmann

Die Jury würdigt insbesondere die außerordentlich genauen Naturbilder und die subtilen poetischen Evokationen einer Durchdringung von eigenmächtiger Natur und menschlicher Kulturtätigkeit in der Lyrik der Autorin sowie die klarsichtigen poetologischen Reflexionen über die ›Chiffrierung von Natur‹ im Literarischen, wie sie der jüngste Essayband präsentiert.

»Laubwerk. Wortmeldungen« von Marion Poschmann ist 2021 im Verbrecher Verlag, Berlin erschienen.

Link: https://www.verbrecherverlag.de/shop/laubwerk/

zurück