ABGESAGT: Éric Vuillard im Gespräch mit Shelly Kupferberg über »Die Tagesordnung«

26.03.2020 20:00, Volksbühne, Berlin

Die Veranstaltung muss leider entfallen.

»Die Literatur erlaubt alles, heißt es. Demnach könnte ich sie endlos über die Penrose-Treppe schicken, sie würden weder hinunter- noch hinaufsteigen, sondern auf immer und ewig beides auf einmal tun. Tatsächlich gleicht dies in mancher Hinsicht der Wirkung, die Bücher auf uns haben. Die Zeit der Wörter, kompakt oder flüssig, undurchdringlich oder buschig, dicht, gedehnt oder körnig, versteift die Bewegungen, friert sie ein. Unsere Figuren sind für immer in diesem Palais, wie in einem verzauberten Schloss. Kaum eingetreten, werden sie zu Boden geschmettert, versteinert, erstarrt. Die Türen sind gleichzeitig offen und geschlossen, die Bögen bröckeln, sind abgerissen, kaputt oder neu gestrichen. Das Treppenhaus blitzt, aber es ist leer, der Kronleuchter funkelt, aber er ist tot. Wir sind gleichzeitig überall in der Zeit. So steigt Albert Vögler die Stufen bis zum ersten Treppenabsatz hinauf und fasst sich dort schwitzend, ja triefend, an seinen Vatermörder, da er einen leichten Schwindel verspürt. Unter dem großen vergoldeten Leuchter, der die Stufen erhellt, zieht er seine Weste glatt, macht einen Knopf auf, weitet seinen Stehkragen.«

Éric Vuillard ist ein eigenwilliger Geschichte(n)schreiber, seine Bücher sind voller Momentbeschreibungen aus der Weltgeschichte, die er sich mit besonderem Geschick zusammensucht. »Die Tagesordnung«, 2017 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, handelt von Adolf Hitlers Weg von der Machtübergabe 1933 bis zur Einverleibung Österreichs fünf Jahre später. Eine Zeitspanne, die Vielen lange als bekannt erscheint und die Vuillard dennoch anders vor den Augen der Lesenden auftauchen lässt. Es sind die Auswahl der Momentaufnahmen, die kluge Kommentarebene, die literarische Ausstaffierung mit Details und der befreite Umgang mit Zeitsprüngen, die uns näher an die historischen Geschehnisse heranholen und miterleben lassen, was heute noch zu Fassungslosigkeit führt und führen sollte. Ausgehend von seinem vielbesprochenen Buch diskutiert der Autor mit der Journalistin und Moderatorin Shelly Kupferberg über die Möglichkeiten Geschichte plastisch zu denken und sie durch literarische Ansätze nahbar zu machen - die Erinnerung zwischen Fakt und Fiktion als Werkzeug in einer Zeit, in der nicht vergessen werden sollten.

Im Rahmen des Programms GESCHICHTSMASCHINE, gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung

Deutsche Stimme: Katja Gaudard, Dolmetscherin: Barbara Hahn

Eintritt € 8,- / (erm.) € 5,-

Ort

Volksbühne
Linienstrasse 227
10178 Berlin