Im Rahmen der Reihe »In Guter Nachbarschaft«
Als am 12. Juni 2000 in Rio de Janeiro der vollbesetzte Linienbus 174 überfallen wird, steht die Welt still. Alle Augen sind auf die sich entfaltende Geiselnahme gerichtet, brasilianische wie internationale Medien berichten darüber. Am nächsten Tag, noch während die Hintergründe der Tat langsam Konturen annehmen und das Leben des in Polizeigewahrsam ermordeten Geiselnehmers durchleuchtet wird, nimmt unweit davon ein nicht minder tragisches Verbrechen seinen Lauf. Zwei Männer entführen und ermorden einen Autohändler – ihr Opfer: C., der Bruder Carla Bessas, die in tage, leben den Geschehnissen nachspürt, sie in Beziehung setzt und wenn vielleicht nicht Sinn, so doch Form findet für »zwei leben in zwei tagen / zwei tage / leben«, die lange vor den Junitagen im Jahr 2000 begonnen haben und lange danach immer noch Einfluss nehmen auf dasjenige der Autorin.
Ein vielschichtiger und eindringlicher Roman über Gewalt, kollektives Trauma und poetisches Aufbegehren.
„Carla Bessas Roman stellt keine Fragen und sucht keine Antworten, sondern findet auf der formalen Ebene einen Ausdruck für das Unfassbare. Gerade darin liegt seine literarische Stärke.“ – Martina Kopf, literaturkritik.de
Carla Bessa (Rio/Berlin) studierte Schauspiel in Rio de Janeiro. 1991 emigrierte sie nach Deutschland, wo sie 15 Jahre als Schauspielerin und Theaterregisseurin arbeitete, bevor sie sich der Literatur zuwandte. Heute lebt sie zwischen Berlin und Rio und arbeitet als Literaturübersetzerin, Dolmetscherin und Autorin.
Bis 2022 schrieb sie auf Portugiesisch und veröffentlichte in Brasilien drei viel beachtete Erzählbände (Aí eu fiquei sem esse filho, 2017; Urubus, 2019; und todas uma, 2022) sowie eine Novelle (Minha Murilo, 2021). Einige ihrer Werke wurden mehrfach ausgezeichnet – darunter mit dem renommierten Jabuti-Preis (dem wichtigsten Literaturpreis Brasiliens) und dem Preis der Nationalbibliothek – und u.a. ins Deutsche (Urubus Transit Verlag, übersetzt von Lea Hübner) übertragen. Ihr erster Roman, den sie direkt auf Deutsch verfasste, „tage leben“, erschien im Dezember 2025 beim Verlag Matthes & Seitz Berlin in der Reihe Rohstoff.
