Lesung mit Marica Bodrožić

16.06.2019 13:00, Stift Fischbeck, Hessisch Oldendorf

»Ich will in das Grenzenlose zu mir zurück«
Else Lasker-Schüler und der Aufbruch in der Literatur um 1900

Im Jahr 1904 besuchte der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. das Stift Fischbeck, dessen Restauration er teilweise aus seinem Privatvermögen finanziert hatte. Bis heute ziert ein Reichsadler zu seinen Ehren die Holzdecke der Stiftskirche. Ausgehend von diesem Besuch beschäftigt sich ‹Wege durch das Land› mit der Jahrhundertwende und ihren künstlerischen Aufbrüchen. In der Dichtung stehen die Zeichen auf Erneuerung: Literarische Manifeste erscheinen zuhauf und spiegeln die Vorstellungen von der ‹Poesie des neuen Menschen›. Im Zentrum steht die Suche nach der ‹Dichtung der Vollendung›, die die neue Welt in sich trägt, wie es in einem literarischen Manifest des Dichters Julius Hart zu lesen ist. Besonders brodeln diese Bestrebungen in Berlin. Dort leben Künstler und Literaten wie die Brüder Heinrich und Julius Hart, Gottfried Benn, Rudolf Steiner, Gerhart Hauptmann – und Else Lasker-Schüler, die als Teil der Berliner Bohème in den literarischen Zirkeln Berlins als erste Frau ihre Gedichte vorträgt. Die deutsch-jüdische Dichterin wird schnell berühmt mit ihrer Lyrik, die schon um die Jahrhundertwende Elemente des Expressionismus vorwegnimmt. Musikalisch gesehen zeichnet sich die Jahrhundertwende durch diverse nebeneinander existierende Strömungen aus. Ähnlich wie in der Malerei, wo sich das Figürliche auflöst und abstrakte Strukturen formbildend werden, stellen Komponisten in der Musik die Tonalität in Frage. So stellt Schönbergs Opus 13, ‹Friede auf Erden›, noch die letzte Komposition seiner tonalen Phase dar, die den Aufbruch in die Atonalität vorbereitet, während in der Textvorlage von Conrad Ferdinand Meyer das für den modernen Menschen brüchig gewordene Ideal göttlichen und weltlichen Friedens zur schmerzhaft unrealistischen Vision verkümmert. Hanns Eisler wiederum bricht mit der Tradition, indem er das typisch romantische Chorlied des 19. Jahrhunderts ironisch karikiert und die Nöte der neu entstandenen Arbeiterklasse drastisch formuliert.

In einer musikalischen Lesung stellen Maren Kroymann, Sonja Beißwenger und Walter Kreye und der vielfach ausgezeichnete Kammerchor der Hochschule für Musik Detmold, unter der Leitung von Anne Kohler, diese künstlerischen Aufbrüche der Jahrhundertwende vor. Eine Autorin, die in unserer Zeit für Aufbruchsstimmung einsteht, ist Marica Bodrožić. Erst mit zehn Jahren zog sie von Kroatien nach Deutschland und entwickelte ihre ‹zweite Muttersprache› später zu ihrer Literatursprache. Für ‹Wege durch das Land› und NDR Kultur schreibt sie eine Auftragsarbeit mit dem Titel ‹Ein Aufbruch ist ein Umbruch im Geist›.

Regie und Fassung: Anna Hartwich

Die Veranstaltung findet statt im Rahmen des Literatur- und Musikfestivals ‹Wege durch das Land›.

Der zweite Teil der Veranstaltung wird am 29.09.2019 um 20.05 Uhr in der Reihe ‹Sonntagsstudio› auf NDR Kultur übertragen.

Pause ca. 19.30 Uhr | Ende ca. 22.00 Uhr
Eintritt 55 | 40 | 22 | Studentenkarte 15 | Hörplatz 10 €

Ort

Stift Fischbeck
Im Stift 5
31840 Hessisch Oldendorf

schließen

Diese Website verwendet Cookies, um Ihnen bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr erfahren Sie auf unserer Seite zum Datenschutz.