Im Ehrenhof des prestigereichen Collège de France in Paris steht die Statue des Hieroglyphenentzifferers Jean-François Champollion. Das Bildprogramm der von Frédéric-Auguste Bartholdi geschaffenen Statue ist widersprüchlich: Erdacht als heroisches Denkmal des Willens zum Wissen, liegt über ihr zugleich ein tragischer Schatten, der für das Verständnis des Dargestellten zentral ist. Denn Champollion, der für die Entschlüsselung des Alten Ägypten und die daraus entstehende neue Menschheitsgeschichte gefeiert wurde, machte bei Begegnungen mit Angehörigen der nordamerikanischen Osage-Nation in Paris und während seines Aufenthalts am Nil prägende Erfahrungen mit kolonialer Gesellschaftszerstörung. Diese waren eng mit jenem Weltbewusstsein verknüpft, dem er selbst Aufstieg und Ruhm verdankte. Champollions Zweifel und sein Handeln sowie die Geschichte seiner Erinnerung werfen so Fragen auf, die Markus Messling zum Ausgangspunkt nimmt, um über die gesellschaftlichen Grundlagen der europäischen Gegenwart nachzudenken.
Markus Messling, 1975 geboren, ist Professor für Romanische und Allgemeine Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität des Saarlandes und Direktor des Käte Hamburger Kollegs für kulturelle Praktiken der Reparation. Er ist Ordentliches Mitglied der Academia Europaea und hatte Gastprofessuren und Fellowships u.a. in Paris, Cambridge, London und Kobe inne.
Im Anschluss gibt es einen kleinen Empfang.
