Rückwärtsgewandt, der Zukunft entgegen

24.01.2020 18:00, Tanzquartier Wien GmbH, Wien

Gespräch mit Guillaume Paoli und Thomas Edlinger

Naturgemäß bedingt der Körperbau die Zeitauffassung; Augen und Füße sind nun mal nach vorn gerichtet. Die Vergangenheit kann man sehen, die Zukunft nicht. Das Zeitauge ist nach hinten geöffnet. Anscheinend verhält es sich damit ähnlich wie bei jenen Tiefseefischen, die zwar noch Augen besitzen, diese jedoch nach ihrer Abwanderung in die absolute Dunkelheit nicht mehr gebrauchen können. Per definitionem ist das verwandelte Wesen ein Wesen ohne Vergangenheit. Erstarrt zu einer Salzsäule. „Ehemals war alle Welt irre – sagen die Feinsten und blinzeln“, spöttelte Nietzsche über die letzten Menschen. Wer wie die selbsternannten Trendforscher*innen und „Zukunftsexpert*innen“ sich verbietet, rückwärts zu blicken, schaut deswegen nicht vorwärts, sondern auf die eigenen Füße. Seine Prognosen sind bloß Annahmen der Gegenwart. Menschen des Mittelalters hatten ein geflügeltes Wort: „Wir sind Zwerge auf den Schultern von Riesen.“ Gemeint war: Zwar können die heute Lebenden weiter blicken als die vorangegangenen Generationen, aber nur weil sie auf deren kumulierten Erkenntnissen stehen. Das war ein Doppelbekenntnis zu Fortschrittsoptimismus und Demut. Umgekehrt könnte das Mutantenmotto sein: Wir sind Riesen auf den Schultern von Zwergen. Wir sehen nicht weiter, wir schwellen bloß auf. Was kümmern uns die Toten unter unseren Füßen? Sie haben zur komplett neuen Realität nichts zu melden.

Moderation: Thomas Edlinger

Eintritt: frei

Ort

Tanzquartier Wien GmbH
Museumsplatz 1
A-1070 Wien