Jean Baudrillard lässt sich auf seiner Reise durch das Land wie seine geistigen Vorfahren Crèvecoeur und Tocqueville von den gewaltigen Stadt- und Naturlandschaften zu philosophischen Reflexionen anregen. Auch bei ihm geht es um ihren Symbolwert für Amerika als verwirklichte Utopie. Doch stellt sich dieses Problem heute anders als vor zweihundert Jahren: Einst ging es um pursuit of happiness, um das optimistische Streben nach Glück innerhalb einer idealen Staatsform. Am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts sind in Amerika die politischen, materiellen und sexuellen Dimensionen der Freiheit in geradezu obszönem Ausmaß realisiert, so dass die Frage nunmehr lautet: "What are you doing after the orgy?" Sind wir an einem Ende der Geschichte angelangt? Baudrillard findet nach dem Bankrott aller großen gesellschaftstheoretischen Alternativentwürfe heute in Amerika wieder eine tabula rasa vor, die neuer Einschreibungen harrt. Und so ist für Baudrillard auch nicht mehr die fruchtbare Natur, sind nicht mehr die üppigen Prärien Amerikas Sinnbild und Symbol, sondern: seine Wüsten.
Leseprobe
"Im Grunde sind die Vereinigten Staaten mit ihrem Raum, ihrem technologischen Raffinement, ihrem brutalen guten Gewissen einschließlich der Räume, die sie der Simulation öffnen, die einzige aktuelle primitive Gesellschaft. Und es ist faszinierend, sie als die primitive Gesellschaft der Zukunft, als die der Komplexität, der Gemischtheit und der größten Promiskuität zu durchreisen, als die eines raubtierhaften, aber in seiner oberflächlichen Buntheit schönen Rituals, einer psychischen und sozialen Ausrottung der Negativität, einer totalen metasozialen Tatsache mit unvorhersehbaren Folgen, deren Immanenz uns staunen macht, die aber keine Vergangenheit hat, in der sie sich spiegeln könnte, die also zutiefst primitiv ist..."
Amerika

ISBN: 978-3-88221-371-3
Preis: 12,80 € / 18,90 CHF
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